Bazon Brock, der sich selbst als „Denker im Dienst“ und „Künstler ohne Werk“ bezeichnet, feiert am 2. Juni seinen 90. Geburtstag. Der emeritierte Wuppertaler Ästhetik-Professor und Weggefährte von Joseph Beuys ist bekannt für seine wortgewaltigen philosophischen Beiträge im Kunstbetrieb. Das Alter spielt für ihn keine Rolle.
Ein Philosoph mit apokalyptischem Optimismus
Brock antwortet auf die Frage nach seinem Befinden mit einer philosophischen Haltung: „Ich verfolge die apokalyptische optimistische Haltung, wie sie für Europa individuell wie auch kulturell und theologisch vermittelt ist“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „In meinem Ende liegt mein Anfang.“ Die Frage nach dem Ruhestand empfindet er fast als Beleidigung: „Jeder, der intelligent ist, hat noch nie an so etwas gedacht, wie sich zur Ruhe zu setzen.“ Bereits zu seinem 85. Geburtstag warnte der Denker mit dem schlohweißen Haar: „Alte Leute sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft völlig egal.“
Einzigartige Laufbahn: Erster Professor für Prophetie
Brock wird auch „Denk-Artist“ genannt, ein streitbarer Performance-Philosoph mit Hang zu endlosen Monologen und einer wuchernden Gedankenwelt. Er gründete zahlreiche Institute, darunter das Institut für Rumorologie/Gerüchteverbreitung, das Labor für Universalpoesie und Prognostik, das Büro für Evidenzkritik und das Pathosinstitut Anderer Zustand. 2014/2015 wurde er an der Hochschule der Bildenden Künste Saar zum Honorarprofessor mit dem Lehrgebiet „Prophetie“ ernannt – eine Premiere in der deutschen Universitätslandschaft.
Seit 2011 betreibt Brock in Berlin, seiner zweiten Heimat neben dem „Basislager“ Wuppertal, die „Denkerei“ als „Institut für theoretische Kunst, Universalpoesie und Prognostik“ mit dem Schwerpunkt „Arbeit an unlösbaren Problemen“. Der intellektuelle Salon hat im Hoftheater Kreuzberg Unterschlupf gefunden. In Berlin wird auch Brocks 90. Geburtstag gefeiert. Schauspieler wie Martin Wuttke, Angela Winkler und Fabian Hinrichs wollen „einen erhebenden Radau“ präsentieren. Brock selbst sagt: „Die Geburtstagsfeier gilt nicht dem Geburtstagskind, sondern denjenigen, die dem Geburtstagskind das Leben ermöglichen.“
Kriegskindheit und akademische Karriere
Der Vorname Bazon ist ein Pseudonym des 1936 im pommerschen Stolp geborenen Jürgen Johannes Hermann Brock. Sein Lateinlehrer gab ihm den aus dem Griechischen stammenden Spitznamen „Schwätzer“. Die Erfahrungen als Kriegskind, die Flucht vor der Roten Armee, Entbehrungen und Bombardements prägten Brocks Denken. Er studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, unter anderem bei Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main.
In den 1960er und 1970er Jahren gehörte Brock zu den wichtigsten Kunstvermittlern. Er entwickelte die Methode des „Action Teaching“, bei der jeder Satz zur Bühne wird. Von 1968 bis 1992 führte er in Kassel die von ihm begründeten Documenta-Besucherschulen und brachte den Menschen Kunst nahe. Brock hielt, als er jünger war, auf dem Kopf stehend Vorträge und warf seine Schuhe in den Ätna. Bereits mit 29 Jahren bekam der gelernte Dramaturg und Doktor der Philosophie eine Ästhetik-Professur in Hamburg.
Bürger professionalisieren und Kunstbegriff erweitern
Mit Peter Sloterdijk organisierte Brock „Profi-Bürgerbewegungen“ in Karlsruhe, um Bürger als Wähler, Patienten oder Konsumenten zu „professionalisieren“. Von 1981 bis zu seiner Emeritierung 2001 hatte Brock die Professur für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität in Wuppertal inne. Nicht nur Beuys erweiterte den Kunstbegriff. Auch Brock trug in den 1960er Jahren maßgeblich zur Öffnung des Kunst- und Ästhetikbegriffs bei – mit Ausführungen zu Wohnstilen, Soziodesign oder Mode. Beuys und Brock veranstalteten gemeinsam Happenings und leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Performance-Kunst.
Selbstbeschreibung und aktuelle Debatten
Wie beschreibt Brock sich selbst? „Ein Mensch mit beispielhafter Geistesgegenwart“, sagt er. Und was will er? „Keine ideologische Verblendung, weder links noch rechts, keine märchenhafte Übersteigerung, kein Mystizismus und der ganze Blödsinn. Sondern sagen: Wach sein, das ist alles.“ In öffentlichen Debatten meldet sich Brock weiterhin zu Wort, etwa zur Documenta 15, die 2022 von einem indonesischen Kollektiv gestaltet und wegen antisemitischer Darstellungen massiv kritisiert wurde. „Wir entsprechen mit dieser Documenta genau der Weltlage“, sagte Brock.
Die Pflicht zum Optimismus
Die Aufgabe der Kultur ist für den kantigen Denker: „Die Leute zu befähigen, sich zu entfalten, als wären sie unsterblich. Aber nicht im Sinne der Allmachtswahnsinnigen, der Psychopathen, sondern als wären sie bis zur letzten Stunde ihres Todes im Vollbesitz ihrer Aktionskraft.“ Für Brock gibt es eine Verpflichtung zum Optimismus, auch wenn einem das bei der aktuellen Weltlage schwerfalle. „Jeder weiß, dass er einen Tag sterben wird“, sagt er. „Er kann aber nicht durch die Gewissheit des Todes überzeugt werden, überhaupt nicht mehr zu leben. Die Gewissheit des Todes ist die Aufforderung anzufangen.“



