In der Nachbarschaft des Hohenschönhausener Sportforums hält sich hartnäckig ein Gerücht: Mehrere Passanten berichten unabhängig voneinander von Diebstählen im nahegelegenen Netto-Supermarkt. Die mutmaßlichen Täter seien Flüchtlinge. Ein Anwohner gibt jedoch zu, dass es sich lediglich um eine Annahme handelt. Die Debatte um Flüchtlingsunterkünfte in Berliner Bezirken ist von Emotionen geprägt. In Charlottenburg etwa wehren sich Anwohner gegen eine geplante Unterkunft in der Soorstraße, da sie eine Überlastung der Infrastruktur und Sicherheitsbedenken befürchten. Vor drei Jahren warnte ein Clubbetreiber am Warschauer Platz vor Asylbewerbern aus der Türkei, Afghanistan und Syrien – letztlich zogen deutlich weniger Menschen ein als erwartet. „Die Leute konnten mehr oder weniger damit leben“, sagte der Betreiber der Berliner Morgenpost. Die befürchteten Übergriffe blieben aus.
Ungleiche Verteilung der Flüchtlinge in Berlin
Die Diskussionen werden durch die ungleiche Verteilung der Asylsuchenden auf die Berliner Bezirke angeheizt. Laut dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LFU) hat Pankow mit 15,44 Prozent den größten Anteil aller Flüchtlinge in Berlin aufgenommen. Lichtenberg folgt mit 13,12 Prozent. In der Nähe des Hohenschönhausener Sportforums befinden sich zwei Einrichtungen mit Hunderten von Flüchtlingen: ein Hotel an der Landsberger Allee und ein Gebäude am Sportforum. Die Nutzung des Hotels als Flüchtlingsunterkunft stieß von Anfang an auf Kritik. Die Anwohner äußern Sorgen vor überlasteter Infrastruktur, Vorbehalte gegenüber den neuen Nachbarn und Frustration über vermeintliche Redeverbote.
Anwohner berichten: „Man merkt sie kaum“
Petra, eine Anwohnerin, die ihren vollständigen Namen nicht nennen möchte, betont: „Ich würde nie AfD wählen.“ Dennoch müssten sich alle an die Regeln halten, sagt sie mit Blick auf die angeblichen Diebstähle im Netto. Eine Unterkunft ist etwa zehn Minuten entfernt, der Supermarkt nur zwei Minuten. Die andere Unterkunft liegt direkt gegenüber von Petras Wohnort. „Man merkt sie kaum“, sagt die 59-Jährige, die in der Gegend aufgewachsen ist. Jenny, die seit 16 Jahren in einem Plattenbau gegenüber der Unterkunft wohnt, erinnert sich an die Anfänge: „Die Kinder sind ständig auf die Straße gerannt, es war total chaotisch. Jetzt ist es viel besser.“ Die Flüchtlinge zogen 2015 in die Unterkunft ein. Weder Jenny noch Petra haben die Einrichtung seitdem besucht. Mareen Butter hingegen schon. Sie hält den Kontakt zu Kindern aus anderen Kulturen für wichtig. „Meine Tochter hat früher auf dem Spielplatz auf dem Gelände gespielt“, sagt die 34-Jährige. „Bis das Sicherheitspersonal es irgendwann verboten hat.“
Unterkunftsleitung setzt auf Nachbarschaftskontakt
Salome, die Leiterin der von der Volkssolidarität Berlin betriebenen Gemeinschaftsunterkunft Alt-Hohenschönhausen, ist über diese Aussage überrascht. Der Spielplatz sei für alle offen, erklärt die 31-Jährige. „Wir würden uns freuen, wenn mehr Leute aus der Nachbarschaft kommen“, sagt sie. Zu Sommerfesten, Zuckerfest-Feiern oder beim Einrichten des Jugendzimmers werden Anwohner regelmäßig eingeladen. Ein Schild am Eingang heißt: „Nachbarn willkommen!“ Salome und ihr Team wollen den Flüchtlingen helfen, Isolation zu überwinden, gleichzeitig aber das Schutzbedürfnis der Bewohner berücksichtigen. Ein Zaun umgibt das Gelände, das zwischen einem verfallenen DDR-Gebäude, einem Sportplatz und einer Baustelle liegt. In dem siebenstöckigen Gebäude leben 434 Bewohner, meist Familien, in 120 Apartments mit eigenem Bad und Küche. Einige Fenster sind mit Papiersternen geschmückt, Dutzende Kinderfahrräder stehen im Parkbereich. „Wir haben wenige alleinstehende Bewohner“, sagt Salome. Die meisten kommen aus Afghanistan und Syrien, die Hauptsprachen sind Farsi und Arabisch.
Fast die Hälfte der Bewohner hat Aufenthaltstitel
Fast die Hälfte der Bewohner besitzt bereits eine Aufenthaltserlaubnis. Viele dürfen daher arbeiten und können sich auf Wohnungssuche begeben. Doch auf dem Berliner Wohnungsmarkt ist dies extrem schwierig. „Einige leben seit zehn Jahren hier“, sagt Salome. Einer von ihnen ist Nabil Salim aus Libyen, der im Rollstuhl sitzt. Während des Bürgerkriegs in seiner Heimat wurde er dreimal angeschossen. „Seitdem kann ich nicht mehr laufen“, sagt er über einen Dolmetscher. Aus humanitären Gründen darf der 50-Jährige in Deutschland bleiben. „Der Alltag hier ist relativ ruhig“, sagt Salome. „Es gibt keine Konflikte mit der Nachbarschaft.“ Dies führt sie vor allem darauf zurück, dass die meisten Bewohner mit ihren Familien leben. Ein Team von 22 Personen kümmert sich um die Hunderte von Bewohnern. Es gibt Spielzimmer, Theaterworkshops und Fußballaktivitäten. Erwachsene können in der Nähwerkstatt Kleidung reparieren oder einfach zum Kaffeetrinken kommen. Jeden Mittwoch sind die Bewohner zu Bauchtanzkursen eingeladen, um auch diejenigen zu motivieren, die nicht arbeiten dürfen. „Einige Bewohner haben vorgeschlagen, das vernachlässigte Grundstück nebenan aufzuräumen“, sagt Salome.
Integrationslotsen helfen bei Behördengängen
Neben Freizeitaktivitäten ist praktische Unterstützung ein wichtiger Bestandteil des Lebens in der Unterkunft. „Wir begleiten Menschen zu Ämtern oder prüfen, ob ihre Unterlagen vollständig sind“, erklärt Asaf Awan. Er arbeitet seit 2018 als Integrationslotse bei der Volkssolidarität und ist seit 2023 Projektleiter. In Berlin gibt es 200 solcher Stellen, verteilt auf 20 Organisationen. Awan spricht neben Deutsch und Englisch auch Hindi und Punjabi. „Wir helfen Menschen, unabhängig zu werden“, sagt der 34-Jährige. „Hilfe zur Selbsthilfe.“ Er selbst kam 2015 als Flüchtling nach Deutschland und versteht aus eigener Erfahrung, wie viel Unterstützung nötig ist. Ziel ist es, die Integration zu beschleunigen. Doch was bedeutet Integration für ihn? Sprachkenntnisse, Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt, sagt Awan. Die geplanten Kürzungen des Bundes bei Integrationskursen wollen die Mitarbeiter nicht entmutigen. „Wir wollen nicht aufgeben“, sagt Salome trotzig. Das Personal wird zu den neuen, restriktiveren EU-Migrations- und Asylregeln (CEAS) geschult. „Das Leben ist für die Menschen hier schon schwer genug.“ Integration bedeute auch Teilhabe: „Wir wollen die Menschen ermutigen, rauszugehen und teilzunehmen.“
Von Lesbos nach Lichtenberg: Zeinabs Geschichte
Zeinabs Geschichte zeigt, wie dies in der Praxis aussieht. Jeden Freitag spielt die 26-jährige Afghanin Fußball nahe der Jannowitzbrücke, ermöglicht durch den Verein Champions ohne Grenzen. „Meine Familie und ich versuchen, viel Sport zu treiben“, sagt Zeinab. Ihre Mutter besucht regelmäßig einen Fitnesskurs. Zeinab lebt seit 2022 mit ihrer Familie in Lichtenberg. Als afghanische Familie hatten sie im Iran Schwierigkeiten, wo Zeinab aufwuchs. Schließlich entschieden sich ihre Eltern zur Flucht. Sie reisten über die Türkei nach Griechenland und landeten im berüchtigten Moria-Lager. Dort lebten sie mit mehreren Tausend Menschen unter extrem beengten Bedingungen, ohne Privatsphäre, mit schlechter Hygiene und nächtlichen Konflikten. Ihre Mutter leidet seitdem unter Panikattacken – und sie selbst auch. Plötzlich füllen sich Zeinabs Augen mit Tränen. Sie macht eine Pause und atmet tief durch. Sie fühlt sich wohl in Lichtenberg. „Alle hier sind freundlich.“ Was sie jedoch belastet, ist die öffentliche Debatte über Abschiebungen nach Afghanistan. Wird auch sie irgendwann abgeschoben? Sie fühlt sich ohnmächtig. Doch sie klingt nicht hoffnungslos. Ihre beste Freundin traf sie in Moria – durch Zufall landeten beide in derselben Unterkunft in Berlin. In zwei Jahren hofft die 26-Jährige, ihr Abitur am Berlin-Kolleg Schöneberg zu machen. Sie hat einen Traum: „Ich möchte Biomedizin studieren.“ Ein Traum, der in ihrem Geburtsland Afghanistan unerreichbar wäre.



