Max Green steht nachdenklich mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse seines Schwedenhauses am Mellensee, südlich von Berlin. Vor ihm toben die Kinder im Garten. Doch in wenigen Monaten will die „Familie Freigeist“ Deutschland hinter sich lassen und in Costa Rica gemeinsam mit anderen Familien einen neuen Lebensentwurf erproben. Der YouTuber und Nachhaltigkeits-Influencer, der mit seiner Plattform zehntausende Menschen erreicht, steht vor einem radikalen Neuanfang im Regenwald Mittelamerikas. Das Haus in Brandenburg soll verkauft werden. Im Spätsommer will Green mit seiner Partnerin Noreen und den Kindern los.
Warum die Familie auswandert
„Uns geht es um sauberes Wasser, frische Luft und ein freieres Aufwachsen der Kinder“, so Green (40). In Deutschland sei das nur begrenzt möglich. In Costa Rica erlebten sie Selbstbestimmung, Natur und Gemeinschaft, abseits gesellschaftlicher Zwänge. Es soll eine Basis im Regenwald mit gelegentlichen Reisen zwischen Costa Rica, Schweden und Deutschland werden. „Homeschooling statt Klassenzimmer, Gemüseanbau statt Großstadtstress“, lautet seine Devise. „Wir wollen uns nicht mehr nur fragen, wie man funktioniert, sondern wie man eigentlich leben will“, sagt Green.
Der Wendepunkt in Schweden
Dieser Satz begann sich vor mehr als zehn Jahren in den Wäldern Südschwedens abzuzeichnen. Damals zog der gebürtige Berliner mit Freunden und einem olivgrünen Trekkingrucksack durch die Wildnis rund um Immeln – fünf Tage ohne Komfort, mit Feuerstelle, Schlafsack und Preiselbeeren. Nach der Rückkehr in einen Supermarkt sei die Gruppe von den Regalen „völlig überfordert“ gewesen. „Wir wollten eigentlich nur Brot und Butter kaufen“, erinnert sich Green. „Aber plötzlich standen wir vor tausenden Produkten.“ Dieser Moment wurde zum Wendepunkt.
Parallel führte Green lange ein anderes Leben. Nach einer Ausbildung bei einer großen deutschen Bausparkasse arbeitete er viele Jahre im Vertrieb eines marktführenden Außenwerbeunternehmens. Er hatte ein sicheres Einkommen, geregelte Strukturen und Karriereperspektiven. „‚Höher, schneller, weiter‘ entsprach irgendwann nicht mehr meinem Naturell“, sagt er. Vor kurzem kündigte er seinen festen Job endgültig, um den Schritt nach Costa Rica möglich zu machen.
Vom Tiny House zum Regenwald
Bekannt wurde Green durch ein Experiment: Über vier Jahre lebte die Familie mit zeitweise drei Kindern in einem Tiny House mit nur 28 Quadratmetern Wohnfläche. Die Fixkosten halbierten sich, sagt Green. Gleichzeitig habe das Leben ihn und seine Familie entschleunigt. Elternzeit wurde möglich, ebenso die Idee, Arbeit und Alltag grundlegend neu zu denken. Heute verdient Green sein Geld mit Coaching-Angeboten rund um Minimalismus, Tiny Houses und finanzielle Unabhängigkeit. Gerade veröffentlichte er einen 80-seitigen „Finanzguide für Familien und alle mit Freiheitsziel“. Seine Partnerin bietet Coachings zu Human Design und Naturheilkunde an.
Das neue Leben in Costa Rica
Das neue Grundstück in Costa Rica umfasst rund 17.000 Quadratmeter und liegt nahe des Arenal-Sees zwischen Regenwald und Vulkanlandschaft. Insgesamt entsteht dort mit 13 anderen deutschsprachigen Familien eine naturnahe Gemeinschaft mit Permakultur, Gemeinschaftsflächen und kleinen Wohnhäusern. Von einer endgültigen Auswanderung will Green nicht sprechen. Costa Rica soll zur Basis werden, aber nicht zum einzigen Lebensmittelpunkt. Schweden bleibt ein „Herzensort“, Deutschland Teil seiner Biografie. „Deutschland ist nur eines von fast 200 Ländern“, sagt er. „Warum sollte Glück nur hier möglich sein?“
Bildung und Finanzierung
Für Ehefrau Noreen stand der Schritt fest, nachdem die Kinder das Grundstück erlebt hatten. „Sie wollten gar nicht mehr weg“, erzählt sie. Brüllaffen, tropische Pflanzen, fremde Früchte – der Dschungel wurde zum Abenteuerspielplatz. Beim Thema Schule setzt die Familie auf freies Lernen. „Die Kinder sollen nicht nur online unterrichtet werden, sondern vor allem durchs Leben lernen“, erklärt Noreen (42). Bei Imkern, Handwerkern oder Selbstversorgern innerhalb der Gemeinschaft. „Am Ende schauen sich Kinder ohnehin alles von uns Erwachsenen ab“, sagt sie. Ein Schulgebäude sei dennoch in Planung.
Ein Teil des finanziellen Polsters stammt aus dem geplanten Verkauf des Hauses in Brandenburg. Gleichzeitig wollen Max und Noreen weiterhin ortsunabhängig arbeiten. Über ihre Plattformen veröffentlichen sie Inhalte zu Minimalismus, finanzieller Selbstbestimmung, Tiny-House-Leben, alternativen Lebensmodellen und Persönlichkeitsentwicklung. „In der geplanten Gemeinschaft treffen Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten aufeinander“, sagt Max. Wer die Reise verfolgen möchte, findet die Familie unter dem Namen „Familie Freigeist“ auf ihrer Website, YouTube und Instagram.



