Erneut kämpft ein Buckelwal in der Ostsee ums Überleben: Das Tier, das Tierschützer „Hartwin“ getauft haben, wurde zuletzt nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt gesichtet. Experten befürchten, dass sich die Geschichte des im Frühjahr verendeten Wals „Timmy“ wiederholen könnte. Meeresbiologe Heiko Buch-Illing vom dänischen Wissens- und Forschungszentrum „Fjord&Bælt“ sieht schwarz: „Da gibt es keine Chance. Er wird sterben.“
„Hartwin“ nahe der deutschen Grenze gesichtet
Nach Angaben der Organisation „Stranded No More“, die die Bewegungen des Tieres verfolgt, tauchte „Hartwin“ zuletzt am 4. Juli an der Klappbrücke im dänischen Sønderborg und einen Tag später bei Egernsund auf. Von dort sind es nur rund 15 Kilometer Luftlinie bis nach Flensburg und wenige Kilometer bis zur Nordspitze der deutschen Halbinsel Holnis. Die Tierschützer gehen davon aus, dass sich der Buckelwal inzwischen wahrscheinlich bereits in deutschen Gewässern befindet. Gleichzeitig warnen sie vor einer möglichen Notlage: „Niemand ist auf ihn vorbereitet. Eine weitere Tragödie bahnt sich an“, teilte die Organisation mit.
Schwierige Bedingungen für den Buckelwal
Für einen Buckelwal sind die aktuellen Bedingungen in der Region problematisch. Die Wassertemperatur liegt dort nach Angaben von „Stranded No More“ bei etwa 19,5 Grad Celsius. Außerdem bewegt sich das Tier in vergleichsweise flachem Wasser mit Tiefen von etwa fünf bis zwölf Metern. Buckelwale halten sich normalerweise in kälteren und tieferen Meeresgebieten auf. Die ungewöhnliche Umgebung könnte für das Tier zusätzlichen Stress bedeuten.
Auch der Meeresbiologe Heiko Buch-Illing sieht die Situation kritisch. Nach seinen Beobachtungen bewegt sich „Hartwin“ auffällig langsam. Das könne darauf hindeuten, dass der etwa 15 Meter lange ausgewachsene Wal bereits stark geschwächt sei. Buch-Illing verweist zudem auf die auffällig helle Oberfläche des Tieres. Normalerweise seien Buckelwale dunkel gefärbt. Die ungewöhnliche Färbung könne nach Einschätzung des Experten ein Hinweis auf einen möglichen Parasitenbefall sein.
Risiko einer Strandung steigt
Buch-Illing erklärte, der Wal könnte versuchen, flachere Gewässer aufzusuchen, um sich auszuruhen. Dort müsse er weniger Energie aufbringen, um regelmäßig zum Atmen an die Wasseroberfläche zu gelangen. Allerdings steigt in solchen Gebieten auch das Risiko einer Strandung. Sollte der Wal nicht rechtzeitig in geeignete Gewässer gelangen, könne er geschwächt werden und ertrinken. Schaffe er es in küstennahe Bereiche, drohe ein ähnliches Szenario wie beim Wal „Timmy“.
Lange Reise durch Europas Gewässer
„Hartwin“ ist bereits seit Monaten unterwegs. Erstmals wurde das Tier am 18. Januar bei Bloemendaal in den Niederlanden dokumentiert. Danach gab es Sichtungen unter anderem vor den Lofoten in Norwegen, in der schottischen Bucht Moray Firth, vor South Shields in England sowie erneut in niederländischen Gewässern. Seit Mitte Juni hält sich der Buckelwal im Bereich der dänischen Gewässer auf. Die Organisation „Stranded No More“ fordert deshalb Unterstützung für das Tier und hat dazu aufgerufen, sich an die dänischen Behörden zu wenden.
Die Tierschützer sehen Parallelen zum Fall des Buckelwals „Timmy“, der im März 2026 vor der deutschen Ostseeküste strandete und trotz einer aufwendigen Rettungsaktion verendete. Sie fordern ein besser vorbereitetes Vorgehen für vergleichbare Fälle in der Zukunft.
Mehr Buckelwale in der Region gesichtet
Dass Buckelwale in dänischen Gewässern häufiger auftauchen, erklärt Buch-Illing unter anderem mit der Entwicklung der Population. Der Bestand der Tiere sei stabil und wachse. Dadurch würden einige Wale neue Lebensräume erkunden. In den vergangenen 150 Jahren wurden in Dänemark insgesamt nur wenige Buckelwal-Strandungen registriert. Ein großer Teil davon ereignete sich jedoch erst in jüngerer Zeit.



