Chirurginnen-Netzwerk stärkt Frauen in männerdominiertem Fach
Chirurginnen-Netzwerk: Frauen in der Chirurgie gestärkt

Der Operationssaal bleibt eine Männerdomäne: Nur rund 24 Prozent der Chirurginnen und Chirurgen in Deutschland sind weiblich. Ein 2021 gegründetes Netzwerk namens „Die Chirurginnen e.V.“ will das ändern und unterstützt Frauen in diesem Fachgebiet. Florentine Hüttl, Fachärztin für Viszeralchirurgie am Klinikum Darmstadt, ist ein Beispiel dafür, wie das Netzwerk helfen kann. Mitte 2026 zählt der Verein bundesweit über 3000 Mitglieder, davon 269 in Hessen und 257 in Rheinland-Pfalz.

Herausforderungen für Chirurginnen

Hüttl, die ursprünglich Kinderärztin oder Psychiaterin werden wollte, entdeckte ihre Leidenschaft für die Chirurgie erst im Praktischen Jahr. „Ich habe mich spontan in dieses Fach verliebt“, sagt die 38-Jährige. Heute arbeitet sie wissenschaftlich an der Universitätsmedizin Mainz und steht kurz vor ihrer Habilitation. Ihre Karriere verdankt sie nach eigener Einschätzung auch dem Netzwerk, das Foren für Rat, Tipps und Kontakte bietet.

Der Marburger Bund berichtete anlässlich des Weltfrauentags, dass der Frauenanteil in medizinischen Fachrichtungen stark variiert: Während in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe über 70 Prozent Ärztinnen tätig sind, liegt ihr Anteil in der Chirurgie bei nur etwa 24 Prozent. Besonders auffällig ist die Ungleichverteilung in Führungspositionen.

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Patriarchalische Strukturen überwinden

Katja Schlosser, Gründerin der „Chirurginnen“, beschrieb das Fach 2024 als patriarchalisch geprägt: „Thomas fördert Thomas und die Sylvias sind die Fleißbienen auf der Station.“ Schlosser war in den meisten Positionen die erste oder einzige Frau. Hüttl ergänzt: „Es ist immer noch frustrierend, zu sehen, wie viele an einem vorbeiziehen.“ Sie betont jedoch: „Wenn man sich die richtigen Verbündeten sucht, sieht man, dass doch vieles möglich ist.“

Vereinbarkeit von Familie und Chirurgie

Hüttl selbst erlebte die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit: Als sie ihre erste Stelle in Mainz antrat, war sie im dritten Monat schwanger. Das Mutterschutzgesetz führte dazu, dass sie fünf Monate lang keinen OP von innen sah. Nach einem Jahr Elternzeit kehrte sie sofort auf 100 Prozent zurück. Da ihr Mann im Ausland arbeitete, war sie unter der Woche alleinerziehend und ließ sich auf die Intensivstation versetzen, wo sie nur Früh- und Nachtschichten übernahm. „Weil man nur neun Stunden arbeitet und nicht länger“, erklärt sie. Nachts passte ein Babysitter auf ihre Tochter auf, tagsüber hatte sie Zeit für das Kind.

Mit Corona und dem zweiten Kind kam sie sofort ins Berufsverbot. Nach der Pandemie handelte sie eine zweite Sonderregelung aus: stundenweise Homeoffice für die wissenschaftliche Arbeit. „Ohne ‚Die Chirurginnen‘ hätte ich mich nicht getraut, das einzufordern“, sagt Hüttl.

Diskriminierung und Sexismus am Arbeitsplatz

Von Kolleginnen hört Hüttl, dass einige Frauen in der Chirurgie Erfahrungen mit Sexismus oder Gewalt am Arbeitsplatz machen. Sie selbst hat subtile Diskriminierung erlebt, etwa Spitzen gegen die „Teilzeitmutti“, die es wagt, genauso viel zu operieren wie andere. Eine Sprecherin des Netzwerks betont: „Die große Resonanz auf unser Netzwerk zeigt, wie wichtig Austausch, gegenseitige Unterstützung und ein respektvolles Miteinander in der Chirurgie sind.“ Ziel sei es, die Sichtbarkeit von Frauen zu steigern und mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.

Faszination Chirurgie

Trotz aller Hürden bereut Hüttl ihre Entscheidung für die Chirurgie nie. Sie schätzt die Gespräche mit Patienten, die oft schwer krank sind, etwa Tumorpatienten, und die etwas Seelsorgerisches haben. Vor allem aber liebt sie das feine Handwerk: „Wenn man so konzentriert im Team arbeitet, dann vergisst man völlig die Zeit. Das ist wie gemeinsam Musik machen.“

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