CSD 2026: Ein Gastbeitrag zur politischen Bedeutung der Pride
Berlin. Wenn am Sonnabend an vielen Balkons und Geschäften, auf Plätzen und in Cafés Regenbogenfahnen wehen und Hunderttausende zur wohl buntesten Demonstration Berlins, dem CSD, strömen, wird es wieder manche geben, die denken: Schöne Party … Aber machen diese Leute nicht etwas zu viel Brimborium um sich? Ist es nicht langsam gut damit? Ihr Sex ist schließlich schon lange nicht mehr strafbar und heiraten können sie auch. Was wollen sie also immer noch?
Tatsächlich hat sich für uns inzwischen viel zum Positiven verändert, auch wenn diese Fortschritte jüngeren Datums sind, als viele glauben. Erst 1994 wurde das Sonderstrafrecht für schwulen Sex abgeschafft. Im Jahr 2017 wurde endlich die Ehe für alle geöffnet. Auch das diskriminierende Transsexuellengesetz wurde erst vor zwei Jahren vom Selbstbestimmungsgesetz abgelöst. Das alles musste schwer erkämpft werden – auch mithilfe von Gerichten, die Diskriminierungen immer wieder beanstandeten.
Rechtliche Lücken und wachsende Gewalt
Bis heute liegt rechtlich manches im Argen: Regenbogen-Paare sind im Abstammungsrecht diskriminiert. Gewalthilferecht schließt queere Menschen aus, die keine Frauen sind. Berlins aktuelle Koalition hat das jüngst beschlossen, entgegen EU-Recht, das bis 2027 umzusetzen ist. In Artikel 3 des Grundgesetzes sind queere Menschen die einzige von den Nationalsozialisten verfolgte Gruppe, die bis heute keinen ausdrücklichen Schutz genießt. Im Bundestag greifen die autoritären Kräfte rechtsaußen die Eheöffnung und das Selbstbestimmungsgesetz an.
Der Wind, der uns entgegenschlägt, wird rauer. Queerfeindliche Übergriffe nehmen massiv zu. Etliche Orte der Communitys sind bedroht oder haben bereits dichtgemacht. Attacken, Verdrängungsdruck und eine schlechtere soziale Lage vieler Menschen gefährden viel von der Infrastruktur, die einst den Ruf Berlins als Stadt der Freiheit und als Regenbogen-Hauptstadt begründet hat. Das SchwuZ, der älteste queere Club Deutschlands, musste 2025 nach fast 50 Jahren schließen. Die Lage ist alles andere als rosig für Berlins queere Communitys. Fort- und Rückschritte liegen oft nah beieinander und mancher Fortschritt zeigt sich enorm fragil.
Internationaler Backlash gegen queere Rechte
Dabei ist Berlin noch vergleichsweise sicher. Auf dem Land greifen in jüngerer Zeit rechtsextreme Jugendgruppen gut organisiert CSDs an. Queere Menschen leben hierzulande mancherorts ganzjährig kaum sicher. Auch international organisiert die gut vernetzte autoritäre Rechte in vielen Staaten den Backlash gegen queere Rechte. Von Putins Russland, Modis Indien, Erdoğans Türkei oder Trumps USA wissen das viele. Jüngst haben auch afrikanische Staaten unter dem Einfluss radikaler evangelikaler US-Gruppen, die mit Millionen von Dollar lobbyieren, die Strafen für Homosexualität drastisch verschärft. Die Argumente sind überall dieselben. Zuerst sind Minderheiten im Visier, dann werden demokratische Strukturen Schritt für Schritt ausgehöhlt.
Historische Wurzeln der Emanzipation in Berlin
Was wir heute mehrheitlich selbstverständlich finden, fiel uns nicht in den Schoß. Es ist Ergebnis jahrzehntelanger europa- und weltweiter Auseinandersetzungen, die ihre historischen Wurzeln auch in unserer Stadt haben: In Berlin studierte der erste offen schwule Aktivist Karl Heinrich Ulrichs, hier gründete Magnus Hirschfeld 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) als erste queere Emanzipationsbewegung, 1919 das international renommierte Institut für Sexualwissenschaften. Im Berlin der Weimarer Zeit erblühte eine einzigartige lesbische und schwule Kultur. Es gab zahlreiche lesbische und schwule Magazine, viele Lokale, von der Eckkneipe bis zum legendären Eldorado. Diese Freiheit war den Nazis so verhasst, dass sie Hirschfelds Institut plünderten, seine Bücher verbrannten, Zehntausende queere Menschen ins Zuchthaus und KZ steckten und ermordeten.
Nach 1945 dauerte es Jahrzehnte, bis Menschen sich wieder offen lesbisch-schwul organisierten. Angestoßen durch Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers …“ gründeten sie Anfang der 1970er die erste queere Initiative in Ost-Berlin, die bis heute als Sonntags-Club existiert. In Westberlin entstanden die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) und die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA). Die AHA, bis heute eine wichtige Säule in der Community, sucht aktuell neue Räume. Aus der HAW ging das SchwuZ hervor, das aktuell einen Neustart vorbereitet. Berlins erster Christopher Street Day zog 1979 über den Kudamm: Wenige Hundert Menschen riefen „Schwule, lasst das Gaffen sein, kommt herbei und reiht euch ein!“ und „Lesben, erhebt euch, und die Welt erlebt euch!“
CSD heute: Hunderttausende für Sichtbarkeit
Heute sind es Hunderttausende, die Berlins CSD zu einer der größten Demos für queere Rechte und Sichtbarkeit machen. Für die Selbstverständlichkeit, uns im öffentlichen Raum zu zeigen, haben Generationen vor uns gekämpft. Viele Engagierte, queere Vereine, Initiativen und Kollektive haben über Jahrzehnte die Infrastruktur – vom Eisenherz-Buchladen bis zum Schwulen* Museum, vom plüschigen Café bis zu legendären Partyreihen – geschaffen, die Queers weltweit „Berlin“ synonym für „Freiheit“ verstehen lässt. Die Zeitschrift „New Yorker“ schrieb 2014: „In vielerlei Hinsicht ist die queere Kultur Berlins das wesentlichste und hervorstechendste Element der Stadt – ihr Bindemittel und ihre Würze. Das war so in den Zwanzigern und in West-Berlin vor dem Mauerfall, und das ist auch heute noch so.“
Damit das auch so bleibt, müssen wir aber einiges tun, das ist kein Selbstläufer. Wir erleben anderswo und hierzulande, dass der Fortschritt ein zartes Pflänzchen ist, dass auch vermeintlich Verbündete uns schnell im Regen stehen lassen, wenn der Wind sich dreht. Deshalb brauchen wir mehr denn je die Gemeinsamkeit aller, denen das Einstehen für queere Rechte ein echtes Anliegen ist. Nicht zuletzt diejenigen Konservativen, für die es eine Anstandsfrage ist, Errungenes zu verteidigen statt queere Rechte zu blockieren oder abzubauen: weil Freiheit nicht teilbar ist, Demokratie ohne gleiche Menschenrechte für Minderheiten nicht existieren kann.
Bewerbung um World Pride 2032
Die Bedingungen werden schwieriger und sind doch in Berlin besser als anderswo. Daraus erwächst Verantwortung. Berlin wird nur dann weiter „Stadt der Freiheit“ und „Regenbogen-Hauptstadt“ sein, wenn wir für unsere queeren Orte kämpfen, die Communitys schützen, wenn queere Menschen hier willkommen sind, die anderswo verfolgt werden. Auch weil es um Verantwortung geht, bewirbt sich Berlins CSD um die Ausrichtung der World Pride 2032 – des „internationalen CSD“, der 2025 in Washington D.C. stattfand und aktuell in Amsterdam zelebriert wird. Berlin zeigt damit queeren Menschen in aller Welt: „Ihr seid nicht allein. Hier ist ein Ort, der für euer Recht kämpft, so zu leben, wie ihr seid.“ Was wäre dafür besser geeignet, als die Stadt der queeren Emanzipation, unser lautes, schrilles, anstößiges, ruppig-charmantes Berlin – die Drag Queen unter den Städten seit mindestens 150 Jahren?
Marcel Voges, geb. 1994, ist hauptamtliches Vorstandsmitglied des Berliner CSD e. V. Klaus Lederer, geb. 1974, von 2016 bis 2023 Bürgermeister und Senator für Kultur und Europa in Berlin, ist bis Herbst Mitglied des Abgeordnetenhauses und seit den 1990er-Jahren für queere Rechte aktiv.



