Samstag, 8 Uhr morgens. Die Leipziger Straße gehört noch den Helfern und Technikern. 85 bunt geschmückte Umzugswagen reihen sich Stoßstange an Stoßstange auf. Die Sonne scheint über einer Stadt, die sich auf einen der fröhlichsten Tage des Jahres vorbereitet – den Christopher Street Day (CSD). Ich ahne nicht, dass ich am Abend desselben Tages als einer der ersten Journalisten an einem Tatort stehen werde. Dass Verletzte an mir vorbei in Krankenwagen geschoben werden. Dass Menschen weinend und zitternd aus dem Tiergarten laufen. Und dass ein Tag voller Liebe mit dem Tod einer CSD-Besucherin endet. Nach allem, was man weiß: Weil ein islamistischer Terrorist es nicht ertragen konnte, dass man die Liebe und nicht den Hass feiert.
Vom Festwagen zum Tatort: Ein Tag im Zeichen der Liebe endet im Horror
Deutschlands Hauptstadt-CSD steht seit Jahren fest in meinem Terminkalender. Gemeinsam mit dem Medienhaus Axel Springer (u. a. BILD und WELT) organisieren wir einen der Festwagen. Ich freue mich auf unsere Gäste, die für Vielfalt und Freiheit einstehen. Um 11.40 Uhr begrüße ich Prominente wie Jörg Draeger (80) und Julian F. M. Stoeckel (39). Ich spreche mit Besuchern über das derzeit heiß diskutierte Thema Leihmutterschaft. Dann rollen wir los. Bier, Cola und Wasser fließen. Und natürlich darf auf den vielen Trucks Musik von Britney Spears (44) und Lady Gaga (40) nicht fehlen.
Die Polizei hatte mir am Vortag 1600 Einsatzkräfte für den CSD angekündigt, insgesamt sollten 2200 Beamte in der Stadt im Einsatz sein. „Wir orientieren uns am letzten Jahr“, hieß es. In der Regenbogenstadt Berlin fühlte ich mich immer besonders sicher. Männer tanzen in knappen Badehosen, Frauen im Fummel, mit möglichst viel Glitzer. Ich befürchte, dass es am Potsdamer Platz Störer geben könnte, doch sie bleiben fast überall aus. Mein Eindruck ist bis zum Ende: Berlin feiert den Tag voller Liebe. Und gemeinsam. Man sieht die „Queers for Israel“ statt der „Queers for Palestine“. Ich schreibe meinen Artikel („Berlin bebt in Regenbogenfarben“) und erwähne, dass die Gewalt gegen queere Menschen um 50 Prozent zugenommen hat. Als Mitglied der Community kreisen meine Gedanken am Abend dann aber, na klar, um das richtige Outfit für die Haupt-Party mit sieben Bühnen. In Kreuzberg will ich bis in den Morgen feiern. Doch um 22.23 Uhr kommt alles anders.
Die Nachricht: Ein Auto rast in die Menschenmenge
Kollegin Tatjana aus dem BILD-Newsroom ruft an: „Am Tiergarten ist ein Auto in Menschen gerast.“ Sofort nehme ich das erste Taxi und fahre zum Tatort. Als ich um 22.50 Uhr eintreffe, ist noch nicht alles mit Flatterband abgesperrt. Hunderte verlassen den Tiergarten. Die Evakuierung läuft geordnet, doch die Stimmung ist gespenstisch. Ich rede mit einem Feuerwehr-Sprecher. Zwischen den Krankenwagen stehe ich plötzlich neben den Opfern: Ein junger Mann humpelt mit Verband am Unterschenkel vorbei, immer mehr Verletzte werden auf Tragen in Rettungswagen geladen. Mit anderen Journalisten warte ich nun am Flatterband auf Infos. Ich sehe Menschen herauslaufen, zitternd und weinend. Schwer bewaffnete Polizisten schützen den Bereich weiträumig.
Kai Wegner verteidigt Sicherheitskonzept vor Ort
Die Polizei gibt in der Nacht immer wieder Statements: Ich erfahre, dass eine Frau es nicht geschafft hat, nicht mehr reanimiert werden konnte. Um 0.12 Uhr stellt sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (53, CDU) am Tatort unseren Fragen. Ich will von ihm wissen, ob für die Sicherheit der Teilnehmer ausreichend gesorgt war. Der Politiker: „Ich glaube, dass der CSD sehr, sehr gut geschützt war.“ Auf die Nachfrage, ob hundertprozentige Sicherheit möglich sei, antwortet er: „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, so traurig es ist.“ Die Feuerwehr baut Zelte auf. Um 0.29 Uhr treffen Notfallseelsorger der DLRG ein. In und vor den Zelten kauern Augenzeugen unter Schock in Rettungsdecken. Am Flatterband erzählt mir eine Mutter, dass sie ihre Tochter seit Stunden nicht erreicht und auf eine Nachricht der Polizei wartet. Was sie fühlt, geht mir nah. Auch meine Freunde und ich könnten jetzt betroffen sein.
Der Täter: 21-jähriger Abdul Ballout – ein erneuter islamistischer Anschlag
Noch in der Nacht heißt es, der 21-jährige Abdul Ballout sei der CSD-Terrorist. Schlafen kann ich kaum. Ich denke die ganze Nacht an die Opfer. Und ich grüble, wie islamistischer Terror fast zehn Jahre nach dem Breitscheidplatz-Attentat immer noch in Deutschland zuschlagen kann. Und dass wir, die wir für die Liebe einstehen, längst zur Zielscheibe der Radikalen werden. Die nur für Hass und Gewalt stehen. Ich weiß: Die Freiheit lassen wir uns nicht nehmen. Zum CSD in Hamburg nächste Woche fahre ich trotzdem.



