Es war neulich im Regionalzug. Hinter mir saß eine Gruppe mittelalter Reisender, deren angeregtes Geplauder ich während der Fahrt eine Weile erfolgreich ignoriert hatte. Einige trugen Funktionsjacken. Eine Frau an einem Vierertisch reichte, wie im Klischee, eine Stullendose mit Eiern herum. Ich arbeite oft im Zug und eigentlich stören mich halblaut geführte Gespräche dort nicht, im Gegenteil. Wenn die Erregung steigt, werde ich neugierig. Zugegebenermaßen lasse ich mich dann auch gerne ablenken.
Die neue Quasselmode im Zug
Hinter mir ging es um Ausflugsziele, so viel hatte ich mitbekommen. „Mall of Berlin“ versus Museumsinsel, wenn ich es richtig verstand. „Schaffen wir das nicht beides an einem Tag?“, fragte eine Frau mit norddeutschem Akzent. Der Zug kam aus Rostock. Eine andere fragte: „Wann kommen wir denn an?“, und die Zugansage lieferte prompt eine Antwort: „Wir erreichen nun Berlin-Gesund …“ Der Rest ging in Klatschen und Johlen unter. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr wie auf dem Weg ins Büro, sondern wie im Ferienflieger nach Malle. Ich musste lachen. Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Der Spruch wirbt ja eigentlich für idyllische Urlaubsorte. Doch wer im Regionalzug nach Berlin pendelt, weiß: Das gilt natürlich auch für die Hauptstadt.
Jugendliche und ihre Berlin-Erfahrungen
Einige Tage später saß ich schwitzend zwischen Schulklassen und pfingstreisenden Familien gen Berlin. Es waren die ersten heißen Maitage. Die Schüler um mich herum zählten auf, was sie in Berlin alles schon kannten. „Digga, ich war schon im Fernsehturm!“ – „Digga, und ich war im Schokoladenmuseum mit meinem Onkel, so krass!“ – „Digga, und ich am Alexanderplatz, Bro, sogar schon vier Mal!“ – „Bro, krass, und ich war am Kotti geilst Döner essen, Digga.“ Die Schüler waren ungefähr 16. Sie kamen aus Hamburg, folgerte ich aus ihren Gesprächen. Und gefühlt jedes zweite Wort war „Digga“, „Alda“ oder „Bro“.
Erst überlegte ich, ob die nervige Jugendsprachmode in Hamburg irgendwie noch schlimmer eskaliert sein könnte als in Berlin. Dann wurde klar: Die Jungs machten sich lustig. Über Berlin. Und ihre hiesigen Altersgenossen. Andererseits waren sie genauso aufgeregt wie die Funktionsjacken-Touristen ein paar Tage zuvor.
Berlins heimliche Hauptattraktion: Billigmodeketten
Wer Regionalzug fährt, weiß: Nicht alle Touristen kommen wegen des hochkarätigen kulturellen Angebotes. Vielmehr ist das heimliche Hauptargument für viele die beeindruckende Bandbreite an Billigmodeketten. Ich persönlich weiß übrigens auch, was 14-jährige Shoppingqueens bei New Yorker, Primark & Co. so einkaufen. Ein Teil lässt sich kaum ignorieren. Offenbar sind bei jungen Frauen penetrant-süßliche Parfüms angesagt, bei jungen Männern eine herb-widerliche Note von Kiefernnadeln und – sorry – Urin. Wer in Berlin U-Bahn fährt, weiß, was ich meine.
Telefonieren als Legitimation zum Labern
Auf der Rückfahrt in die Dörfer packen die Kids gern ihre Einkaufstüten gemeinsam aus und die Schnäppchen werden präsentiert. Die Umsitzenden profitieren davon, weil wiederum weitere Freundinnen per Handy-Videochat an der Aktion teilhaben. Handys sind übrigens das Einzige, was ich aus Zügen gern verbannen würde. Zumindest das Telefonieren im Zug sollte man verbieten. Allen. Völlig egal, ob wichtigtuerische Manager oder quasselnde Techniker, besorgte Mütter, lästernde Kolleginnen oder quatschende Teenager: Mein Eindruck ist, dass Telefongespräche in der Öffentlichkeit nicht nur immer lauter und rücksichtsloser geführt werden. Sie werden auch immer länger. Und immer belangloser. Übrigens nicht nur in Zügen. Sondern auch in Supermärkten oder Wartezimmern. Aber das nur nebenbei.
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.
Okay, die Rückkehr des Telefonierens am Telefon hat fast etwas Nostalgisches. Aber das Handy ist für viele Menschen nur noch die Legitimation zum Labern. Ich glaube, die neue Quasselmode ist auch über Talkshows und Endlos-Podcasts in unseren Alltag gekommen. In diesem Sinne freue ich mich auf neue Zugansagen: „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Ihr Endlosgelaber im Zug nicht auf Ihr Social-Media-Profil einzahlt, sondern nur Ihren Mitreisenden endlos auf den Keks geht. Vielen Dank!“



