Friedman ruft in Bayreuth zur Verteidigung der Demokratie auf
Friedman: Demokratie verteidigen

Der umstrittene Auftritt von Michel Friedman bei den Bayreuther Festspielen wurde am Sonntag zu einem vielbeachteten Gedenktag. Der 70-jährige Publizist sprach vor rund 2000 Zuschauern im Festspielhaus und warnte eindringlich vor den Gefahren für die Demokratie. Zuvor war seine Einladung zunächst ausgesprochen, dann zurückgezogen und schließlich nach persönlicher Intervention von Festspielleiterin Katharina Wagner erneuert worden.

Versöhnung auf der Bühne

Katharina Wagner, die Urenkelin von Richard Wagner, eröffnete den Gedenktag mit einer Umarmung Friedmans auf der Bühne. Sie betonte: „Gestern haben wir gefeiert. Heute wollen wir gedenken.“ Wagner hatte zuvor öffentlich den Antisemitismus ihres Urgroßvaters thematisiert und die Verstrickung der Festspiele in die NS-Zeit aufgearbeitet. Friedman dankte ihr ausdrücklich: Nach dem Streit um seine Einladung habe sie ihn angerufen, sich entschuldigt und ihm die Hand gereicht.

Friedmans emotionale Rede

Friedman erklärte, er habe nach den turbulenten Wochen schlecht geschlafen. Die Erwartungen seien riesig gewesen. Doch er nutzte die Bühne für eine grundsätzliche Rede: „Ich, ein jüdischer Mensch, stehe heute im Festspielhaus. Heute habe ich das Wort, und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören.“ Er spannte den Bogen von Bayreuth in die Gegenwart: „Nein, der Antisemitismus ist keine deutsche Erfindung. Aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung.“ Niemand im Saal trage Schuld an Auschwitz, sagte Friedman, aber alle trügen Verantwortung: „Nur wenn wir uns der Geschichte stellen, auch der eigenen, haben wir eine Chance, dass es nie wieder zu etwas wie Auschwitz kommt.“

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Friedman betonte, dass es ihm nicht um ein Ende der Wagner-Festspiele gehe. „Kultur und Kunst sind der Sauerstoff des Menschen.“ Man könne Wagner ohne schlechtes Gewissen hören, aber nur mit Wissen, damit sich ein Gewissen entwickle. Sein Appell richtete sich gegen Gleichgültigkeit und Hass: „Es gibt Konflikte, es gibt Streit, es gibt Aufarbeitung. Und dann reicht man sich die Hand und macht weiter, als Mensch und als Freund.“

Warnung vor müden Demokraten

Immer wieder richtete Friedman den Blick in die Zukunft. „Kann es sein, dass wir müde Demokraten geworden sind, die gerne genommen, aber zu wenig gegeben haben?“ Er sorgte sich, dass die Demokratie von vielen als selbstverständlich angesehen werde. „Hoffentlich werden uns die Menschen in 20 Jahren nicht fragen: Warum habt ihr die Demokratie so einfach denen übergeben, die sie zerstören wollten?“ Friedman warnte vor wachsender Wut: „Hass ist keine Meinung. Geistige Brandstiftung beginnt mit Sprache. Und aus Sprache können schnell Taten werden.“ Mit Blick auf Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung mahnte er: „Judenhass ist Menschenhass. Schwulenhass ist Menschenhass. Frauenhass ist Menschenhass.“

Persönliche Bezüge

Besonders persönlich wurde Friedman, als er von seiner Familie erzählte. Rund 50 Angehörige seien von den Nationalsozialisten ermordet worden. Seine Eltern überlebten, weil der deutsche Industrielle Oskar Schindler sie rettete. Friedmans Lehre daraus: „Es gibt nicht die Deutschen, die Juden oder die anderen. Es gibt jeden einzelnen Menschen. Was hätte ein Einzelner damals tun können? Oskar Schindler hat gezeigt, was ein Einzelner tun kann. Was können wir heute in Freiheit, in Frieden und in einem Rechtsstaat alles tun, wenn wir es nur tun würden?“

Eindringlicher Appell zum Schluss

Zum Ende seiner Rede appellierte Friedman an das Publikum: „Warum nehmen wir die Antidemokraten nicht endlich ernst? Warum nehmen wir sie nicht beim Wort?“ Demokratie beginne nicht erst bei Wahlen oder Demonstrationen, sondern im Alltag. „Die Demokratie beginnt dort, wo wir Stopp sagen. Millionen Mal, jeden Tag.“ Er erinnerte an einen Satz seines Vaters: „Wir sind nicht hilflos. Das letzte Wort ist nicht gesprochen. Es geht, wenn wir wollen.“ Dann blickte er ins Publikum und schloss: „Ich gestehe vor Ihnen allen: Ich will.“

Der Auftritt markierte einen Höhepunkt der 150. Bayreuther Festspiele, die am Samstag offiziell eröffnet worden waren. Unter den Gästen waren auch Ex-Kanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Die Rede Friedmans wurde als starkes Zeichen gegen Antisemitismus und für die Demokratie gewertet.

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