Cornelia Funke und Luisa Neubauer: „Hoffnung ist realistisch“
Funke und Neubauer: „Hoffnung ist realistisch“

Die Kinderreporter Johann (14) und Niklas (13) haben für DEIN SPIEGEL die Bestsellerautorin Cornelia Funke und die Klimaaktivistin Luisa Neubauer getroffen. Das Gespräch drehte sich um magische Kräfte, die Klimakrise und die Frage, wie man trotz allem die Hoffnung bewahrt.

Zauberkraft für mehr grünen Verstand

Auf die Frage, welche Zauberkraft sie sich wünschen würde, antwortete Funke: „Ich würde den Mächtigen unserer Welt mit einem Zauberstab mehr grünen Verstand geben. Damit sie sich für nachhaltige Lösungen einsetzen.“ Neubauer ergänzte, dass sie es ungerecht finde, jungen Menschen gegenüber zu sagen: „Strengt euch in der Schule an, dann könnt ihr alles werden“, während die Welt verbrenne.

Warum Klimaschutz so wichtig ist

Funke betonte, dass es um die Lebensgrundlage gehe: „Wir können nicht zulassen, dass unsere Mitmenschen eines Tages in der Sonne verbrennen oder verhungern.“ Sie wies darauf hin, dass die Klimakrise neben anderen menschengemachten Krisen oft in den Hintergrund rücke. Das Ungerechte sei, dass den höchsten Preis Menschen in Ländern zahlen, die die Krise nicht verursacht haben. Viele hätten bereits ihre Heimat verloren.

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Flucht vor den Flammen

Funke, die jahrelang in Kalifornien lebte, schilderte ihre Erfahrungen: „Kalifornien ist ein Schaufenster der Klimakrise. Dort gibt es tote Wälder und immer wieder riesige Feuer, die heutzutage in viel kürzeren Abständen kommen als früher.“ Sie habe mehrfach vor den Bränden fliehen müssen und lebte mit stets gepacktem Koffer. Dieses ständige Gefühl, vielleicht fliehen zu müssen, sei schrecklich gewesen. Deshalb sei sie zurück nach Europa gezogen.

Naturkatastrophe versus Klimakatastrophe

Neubauer differenzierte: „Man sollte unterscheiden zwischen Naturkatastrophen und Klimakatastrophen. Naturkatastrophen gab es schon immer.“ Ein Waldbrand sei rein ökologisch nicht nur schlecht – danach sei der Boden wieder fruchtbar. Aber das von uns veränderte Klima führe zu Extremfeuern, auf die kein Wald vorbereitet sei. Die Politik müsse deutlich sagen: „Leute, wir stecken in einer riesengroßen Krise.“ Sonst wiegten sich alle in falscher Sicherheit.

Warum die Politik zu wenig tut

Funke meinte: „Wir Menschen wollen es bequem haben. Teilweise laufen die Dinge in unserer Welt schon so lange falsch, dass es schwierig ist, sie zu ändern.“ Neubauer ergänzte: „Etwas im Kopf zu wissen, heißt nicht, es im Herzen zu wissen. Viele Politiker wollen oftmals nicht über Probleme sprechen, für die sie keine bequemen Lösungen haben. Wenn ihre Ratlosigkeit offensichtlich wird, werden sie nicht gewählt.“

Internationale Zusammenarbeit – ein Beispiel aus der Antarktis

Auf die Frage, warum nicht alle Länder zusammenarbeiten, erklärte Neubauer: „Es gibt internationale Klimaschutzabkommen, aber umzusetzen, was beschlossen wurde, kostet die Staaten zunächst viel Geld. Deshalb ist es für manche Staaten verlockend zu schummeln.“ Langfristig sei das unlogisch, weil guter Klimaschutz immer noch günstiger sei als ungebremste Klimafolgen. Sie verwies auf die Antarktis: Vor mehr als einem halben Jahrhundert hätten sich zwölf Länder zusammengetan und beschlossen, den Kontinent nicht industriell auszubeuten. Inzwischen seien über 50 Staaten dabei, und alle hielten sich bis heute an die Verabredung.

Ist es zu spät für die Klimawende?

Neubauer machte Mut: „Es ist nicht zu spät! Wir können langfristig dafür sorgen, dass die durchschnittliche Erhitzung weniger krass wird. Wenn wir nichts unternehmen, wird es noch viel schlimmer werden.“ Sie riet, sich auf kleine Schritte zu konzentrieren: „Sich für den einen Vogel einsetzen, der dort drüben singt. Für das eine Kind, das das Hochwasser überlebt. Für die eine Tierart, die nicht ausstirbt.“

Was ist ein gutes Leben?

Funke stellte die Gegenfrage: „Was bedeutet ‚ein gutes Leben‘? Viele Menschen kaufen dauernd neue Dinge, haben einen stressigen Job und sind abends so überfordert, dass sie nur am Handy scrollen. So viele sind krank, erschöpft oder einsam, obwohl sie im vermeintlichen Wohlstand leben. Ich bezweifle, dass das ein gutes Leben ist.“ Neubauer ergänzte, dass es immer Krisen geben werde, aber man könne lernen, damit umzugehen: „Ihr habt bereits die Coronapandemie erlebt. Ihr besitzt also Krisenwissen und seid gewappnet.“

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Individuelles Handeln und politische Verantwortung

Funke betonte, dass Politiker von den Bürgern abhängig seien: „Wenn wir alle gegen Massentierhaltung wären, gegen Flugzeuge und für E-Autos, hätten diese Themen in der Politik einen höheren Stellenwert.“ Sie selbst denke nicht: „Ich muss auf Fleisch verzichten. Sondern: Wie vielen Schweinen, Hühnern und Kälbern habe ich so vielleicht schon das Leben gerettet?“

Hoffnung als realistische Haltung

Funke erklärte: „Mir hilft es, in die Natur zu gehen. Den Zaunkönig vor dem Fenster singen zu hören. Aber Hoffnung darf nicht die Bedingung sein. Auch wenn ich keine Hoffnung hätte, würde ich sagen: Wir müssen weiterkämpfen. Das schulden wir allem, was auf diesem Planeten lebt.“ Neubauer fügte hinzu: „Es gibt ein Missverständnis, was Hoffnung bedeutet. Zu glauben, dass alles rosarot und super wird, ist Verdrängung. Hoffnung aber heißt, sich bewusst zu machen: Ich kann etwas verändern. Nicht die Welt retten, aber etwas Kleines bewirken. Oder zusammen etwas Großes. Hoffnung ist realistisch. Die Weltgeschichte ist geprägt von Menschen, die etwas verbessern wollten und das oft hinbekommen haben.“