Gangster vor der Kamera: Wie Berlins Unterwelt zu Filmstars wurde
In den 1930er Jahren spielten mehrere Berliner Kriminelle aus den sogenannten Ringvereinen in Fritz Langs legendärem Film „M“ mit. Der Boss eines Gangstervereins, Adolf Leib, genannt „Muskel-Adolf“, verschaffte sich nicht nur selbst eine Rolle als Berater, sondern brachte auch seine gesamte Bande als Komparsen unter. Das Resultat war ein voller Erfolg – der Film gilt bis heute als einer der besten aller Zeiten.
Ein ungewöhnliches Casting in den Zeppelin-Hangars
Von Januar bis März 1931 versammelten sich täglich zwei Dutzend Schwerverbrecher in den Zeppelin-Hangars im beschaulichen Staaken am Westrand Berlins. Sie kamen nicht, um Verbrechen zu planen, sondern um vor der Kamera zu stehen. Muskel-Adolf, mit bürgerlichem Namen Adolf Leib, war Boss des Ringvereins „Immertreu“, der rund um den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) aktiv war. Er erfuhr von Fritz Langs Plänen für einen Krimi und bot seine Dienste an.
Muskel-Adolf als Berater und seine Bande als Komparsen
Leib wurde als „Berater“ engagiert, seine Männer spielten Gangster – allerdings die „Guten“, die den kindermordenden Haupttäter zur Strecke bringen. Der Film „M“ wurde ein Riesenerfolg und wird bis heute oft als einer der besten Filme aller Zeiten aufgelistet. Die Berliner Gangster genossen es, als Edelganoven gesehen zu werden. Viele von ihnen waren in den 1920er Jahren in den besten Kreisen Berlins unterwegs, umgeben von Reichen, Schönen und Mächtigen.
Die Ringvereine: Organisierte Unterwelt mit Ehrenkodex
Berlins Unterwelt war damals in Ringvereinen organisiert, deren Mitglieder einen Siegelring als Erkennungsmerkmal trugen. Leibs „Immertreu“ war eine der bekanntesten Vereinigungen. Die Vereine finanzierten sich durch Frauen- und Drogenhandel, illegale Glücksspiele, Einbrüche und vor allem Schutzgelderpressung. Wer Gaststätten, Kinos, Hotels oder Kaufhäusern Schutz aufschwatzen konnte, dem gelang dies auch bei einer teuren Filmproduktion. Fritz Lang hatte dem Ganoven-Casting nicht ganz freiwillig zugestimmt, aber ihm war klar: Was Muskel-Adolf wollte, bekam er.
High Society und Unterwelt: Tanz mit Tod und Teufel
Die Ringvereine genossen einen berühmt-berüchtigten Ruf. Auf ihren rauschenden Bällen trafen die oberen Zehntausend auf die Spitzen der Unterwelt. Die Reichen und Schönen tanzten mit Tod und Teufel, erfreuten sich günstiger Deals und mussten keine Angst vor Villen-Einbrüchen haben. Staranwälte, Polizeipräsident Karl Zörgiebel und Kommissar Ernst Gennat waren regelmäßig zu Gast. Höhepunkt war, wenn ein bekannter Kriminaler den Taktstock griff und die Kapelle dirigierte.
Das Ende der Ringvereine durch die Nazis
Der gruselige Charme der Szene endete mit den Nazis, die nach 1933 alle Ringvereine verboten. Adolf Leib und andere Gangsterbosse verschwanden im KZ. Die Vereine hatten ursprünglich soziale Ansprüche: Der 1890 gegründete „Reichsverein ehemaliger Strafgefangener“ wollte entlassene Häftlinge unterstützen, damit sie nicht wieder kriminell wurden. Das Kümmern blieb, aber die Finanzierung stammte aus Schutzgelderpressungen und Mitgliedsbeiträgen. Damit wurden Familien unterstützt, deren Ernährer im Gefängnis saß, und entlassene Häftlinge fanden oft Arbeit im Gastgewerbe.
Ehrenkodex und Aktenvernichtung
Die Vereinsbosse gaben vor, einen Ehrenkodex zu haben: Mörder und Sexualverbrecher wurden ausgeschlossen. Tatsächlich halfen sie der Polizei bei der Fahndung – wie im Film „M“. Gleichzeitig kontrollierten sie die Treue der Ehefrauen inhaftierter Mitglieder. Auf Begräbnissen galt Frackzwang mit Zylinder. Die Polizei arbeitete nicht mit allen Gangstern zusammen, aber Kommissar Gennat drückte bei nützlichen Mitgliedern ein Auge zu. Zum letzten Mittel griffen die Ringvereine bei kompletten Aktenvernichtungen: Im Kriminalgericht Moabit unterhielten sie eine Abteilung aus geschmierten Boten und gekauften Juristen, die Akten verschwinden ließen.



