Kalle ist ein sehr guter Schüler. Sechs Einsen prangen dieses Jahr auf dem Zeugnis des Achtklässlers, der Rest sind Zweien. Seine Eltern belohnen ihn dafür mit Geld – zehn Euro für jede Eins. Doch sein kleiner Bruder, der sich ebenfalls sehr angestrengt hat, bekommt weniger, weil seine Noten nicht ganz so glänzend sind. Ist das gerecht? Und ist es überhaupt sinnvoll, Zeugnisse mit Geld zu belohnen? Wir haben Experten gefragt.
Die Debatte um finanzielle Anreize
Viele Eltern stehen vor der Frage, ob sie gute Noten ihrer Kinder mit Bargeld honorieren sollen. Befürworter argumentieren, dass Geld ein effektiver Anreiz sei, der Kinder zu Höchstleistungen motiviere. Gegner hingegen warnen vor negativen Folgen: Die intrinsische Motivation könne leiden, und Kinder lernten, dass Leistung nur dann zähle, wenn sie materiell belohnt werde.
„Kinder sollten lernen, dass Bildung an sich wertvoll ist, nicht nur, weil sie dafür Geld bekommen“, sagt Dr. Maria Schmidt, Bildungspsychologin an der Universität München. „Wenn die Belohnung ausbleibt, kann die Motivation schnell sinken.“
Unterschiedliche Ansätze in Familien
In der Familie von Kalle ist die Regel klar: Für jede Eins auf dem Zeugnis gibt es zehn Euro. Kalle freut sich über 60 Euro zusätzlich. Sein jüngerer Bruder, der in der Grundschule ist, hat nur zwei Einsen und bekommt entsprechend weniger. Die Mutter erklärt: „Wir wollen beide fördern, aber auch Leistung anerkennen. Der Jüngere ist noch nicht so weit, aber wir sehen, dass er sich anstrengt.“
Doch genau diese Ungleichbehandlung sorgt für Diskussionen. Pädagogen raten dazu, die Anstrengung und nicht nur das Ergebnis zu belohnen. „Wenn ein Kind von einer Vier auf eine Drei kommt, ist das eine enorme Leistung, die genauso gewürdigt werden sollte wie eine Eins von einem Einser-Schüler“, so Schmidt.
Studienlage zur finanziellen Belohnung
Eine Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2019 zeigt, dass finanzielle Anreize kurzfristig die Leistung steigern können, langfristig aber die Freude am Lernen verringern. Die Forscher fanden heraus, dass Schüler, die für gute Noten bezahlt wurden, später weniger Interesse an schulischen Inhalten zeigten als ihre nicht bezahlten Mitschüler.
„Geld kann ein schneller Motivationsschub sein, aber es ersetzt nicht die Neugier und den Spaß am Lernen“, erklärt Prof. Dr. Klaus Weber, Bildungsökonom an der Universität Köln. „Eltern sollten daher eher auf Lob und Anerkennung setzen als auf Bargeld.“
Alternativen zur Geldbelohnung
Statt Geld empfehlen Experten andere Formen der Anerkennung: gemeinsame Unternehmungen, mehr Taschengeld oder kleine Geschenke, die mit den Interessen des Kindes zusammenhängen. Wichtig sei, dass die Belohnung nicht als alleiniger Antrieb wirke, sondern die Freude am Lernen unterstütze.
Die Familie von Kalle überlegt nun, das System zu ändern. „Vielleicht belohnen wir nächstes Jahr die Anstrengung und nicht nur die Note“, sagt die Mutter. „Dann bekommen beide etwas, und keiner fühlt sich benachteiligt.“



