JIM-Plus-Studie: Social Media als Drahtseilakt für Jugendliche
JIM-Plus: Social Media als Drahtseilakt für Jugendliche

Die repräsentative JIM-Plus-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest, vorgestellt in Mainz, hat das digitale Wohlbefinden 14- bis 17-Jähriger in Deutschland untersucht. Das Ergebnis: Jugendliche erleben Social Media als einen „Drahtseilakt zwischen Inspiration und Belastung“. Das ständige Auf und Ab von positiven und belastenden Erfahrungen gleiche für viele einer Achterbahnfahrt.

Belastende Inhalte sind Alltag

Ungewollte Nacktbilder, Mobbing und drastische Gewaltdarstellungen empfinden Jugendliche beim Scrollen durch soziale Netzwerke als besonders belastend. Der Kontakt mit problematischen Inhalten ist für viele längst Teil ihrer Lebenswelt. 71 Prozent der Befragten begegnen Fake News, 43 Prozent extremen politischen oder religiösen Inhalten und 40 Prozent Hatespeech. Inhalte, die Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten verharmlosen, belasten sie neben Nacktbildern, Mobbing und Gewaltdarstellungen am stärksten.

Positive Seiten: Wissen und Verständnis

Trotz der Belastungen spielen Plattformen wie YouTube, Instagram, TikTok und Snapchat eine zentrale Rolle für das digitale Wohlbefinden. 82 Prozent der Jugendlichen nutzen sie als wichtigen Zugang zu Wissen. Etwa die Hälfte berichtet, sich dort verstanden zu fühlen. Soziale Beziehungen mit Freunden, im Sport und in der Familie sind für das persönliche Wohlbefinden jedoch noch wichtiger: Nur nicht einmal jeder Fünfte nennt Social Media als eine von drei Top-Wohlfühlaktionen.

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Ablenkung und Zeitverschwendung

72 Prozent der Jugendlichen geben an, dass Social Media sie von Dingen ablenkt, die sie eigentlich tun sollten. 55 Prozent berichten, ihnen fehle dadurch Zeit für Erholung und Freizeitaktivitäten; ebenso viele haben das Gefühl, ihre Zeit auf Social Media zu verschwenden. 61 Prozent sind wegen KI-Inhalten verunsichert, was real ist und was nicht. 40 Prozent haben das Gefühl, ihre Konzentration lasse nach.

Vergleichsdruck und Körperbild

Fast zwei Drittel der Nutzenden vergleichen sich automatisch mit anderen. Gut die Hälfte hat dabei den Eindruck, „dass andere ein besseres Leben führen als ich“. Mädchen nutzen soziale Netzwerke häufiger als Jungen, berichten aber auch häufiger von Vergleichsdruck und geben deutlich öfter an, sich im eigenen Körper unwohl zu fühlen.

Umgang mit problematischen Inhalten

Die meisten Jugendlichen reagieren auf problematische Inhalte mit Weiterscrollen. Etwa jeder Dritte gibt an, sich an solche Inhalte gewöhnt zu haben. Nur etwa ein Viertel meldet problematische Beiträge den Plattformen. Am häufigsten werden problematische Inhalte mit TikTok in Verbindung gebracht. „Obwohl die Plattform im Vergleich zu anderen Diensten am kritischsten bewertet wird, ist sie auf Platz zwei der Dienste, die die Jugendlichen am meisten vermissen würden“, stellt die Studie fest. Bei Mädchen ist sie sogar auf Platz eins. TikTok hat mit 13 Prozent auch den höchsten Anteil an sehr intensiven Nutzenden (mehr als drei Stunden pro Tag).

Altersbeschränkungen: Debatte und Meinungen

In Deutschland werden immer wieder Social-Media-Beschränkungen gefordert. Die EU-Kommission empfiehlt, dass Kinder unter 13 Jahren einen beschränkten Zugang haben sollten, ab 13 Jahren dann zunehmend selbstständig Zugang zu altersentsprechenden Angeboten mit standardmäßigen Sicherheitsvorkehrungen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte bei der Vorstellung der Experten-Empfehlungen: „Es herrsche bereits Einigkeit darüber, dass es ein Mindestalter geben müsse, ab dem Kinder soziale Medien nutzen dürften.“ Sie kündigte einen Vorschlag der Brüsseler Behörde nach dem Sommer an.

Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen steht einem Verbot skeptisch gegenüber, „weil es sehr einfach ist, dieses zu umgehen“. Zugleich sind 43 Prozent der Meinung, dass Social Media für alle unter einem bestimmten Alter verboten sein sollte. Die Mehrheit der Plattformnutzenden empfiehlt rückblickend zumindest ein höheres Einstiegsalter, als sie es selbst bei der ersten Nutzung hatten. 47 Prozent der Befragten beneiden gar die Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind – vor allem Mädchen (52 Prozent). In der aktuellen Verbotsdebatte sieht nicht einmal jeder Zehnte die Perspektive von Jugendlichen als ausreichend berücksichtigt.

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