Mitte Juni haben die Behörden in Ho-Chi-Minh-Stadt rund 400 Katzen beschlagnahmt – mutmaßlich gestohlene Haustiere und Streuner, die Opfer des illegalen Katzenfleischhandels geworden waren. In Kühlboxen fanden die Ermittler etwa 80 bereits tote Tiere. Es ist einer der bislang größten Schläge gegen den vietnamesischen Katzenfleischhandel. Illegal war jedoch nicht das Katzenfleisch selbst, sondern die Herkunft der Tiere. Die Polizei geht davon aus, dass die Bande über Jahre Katzen gestohlen oder eingefangen und an Restaurants verkauft hat. Neun Verdächtige wurden festgenommen.
Katzenfleisch als kulturelle Tradition
In Vietnam gehört der Verzehr von Katzen für einen Teil der Bevölkerung zur Esskultur. Während der langen Kriegsjahre und in Zeiten großer Armut wurden die Tiere gegessen, weil andere Lebensmittel knapp waren. Heute gilt Katzenfleisch vor allem im Norden des Landes als Delikatesse und wird mit Glück, Stärke und Wohlstand assoziiert. Ähnliche Traditionen gibt es auch in Teilen Chinas und Indonesiens. Im Gegensatz dazu hat Südkorea 2024 ein Gesetz zum Ausstieg aus dem Hundefleischhandel verabschiedet; über 80 Prozent der Hundefarmen haben bereits geschlossen.
Wachsende Kritik und Umdenken
Karanvir Kukreja, Kampagnenleiter der Organisation Humane World for Animals (HWA), erklärte: „Dieser Fund ist einerseits eine ernüchternde Erinnerung an das enorme Ausmaß des vietnamesischen Hunde- und Katzenfleischhandels und andererseits ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass sich die Einstellung im Land gegenüber diesem grausamen und gefährlichen Handel verändert.“ Trotz wachsender Kritik bleibt der Handel ein Millionengeschäft. Schätzungen von Four Paws zufolge werden in Vietnam jährlich rund fünf Millionen Hunde und eine Million Katzen für den Verzehr geschlachtet. Zuchten zu diesem Zweck sind weiterhin legal.
Gesundheitsrisiken und Geschäftsmodelle
Der Besitzer eines Restaurants in Hanoi, das Hunde- und Katzenfleisch serviert, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Bei den Katzen müssen wir sehr sorgfältig auswählen. Sie dürfen weder zu alt noch zu jung sein. Ist eine Katze älter als ein Jahr, wird das Fleisch zäh und schmeckt nicht mehr.“ Katzengerichte kosten in seinem Lokal mindestens 195.000 Vietnamesische Dong (etwa 6,50 Euro). Im Durchschnitt verkaufe er fünf bis sieben Katzen pro Tag, in Spitzenzeiten bis zu 30. Der Handel birgt erhebliche Gesundheitsrisiken: Beim Hantieren mit rohem Hunde- und Katzenfleisch kann Tollwut übertragen werden, und durch Zubereitung und Verzehr drohen parasitäre oder bakterielle Infektionen.
Gesellschaftliche Spaltung
Mai Xuan Huu, ein 34-jähriger Wertpapiermakler aus der Provinz Thanh Hoa, erklärte, er habe früher Hundefleisch gegessen, aber vor zehn Jahren damit aufgehört: „Ich werde diese Tiere nie wieder essen und es auch meinen Kindern nicht erlauben.“ Er bezeichnete die Konfiszierung der 400 Katzen als „Akt der Menschlichkeit“. Die Gesellschaft ist zunehmend gespalten: Während ältere Generationen an der Tradition festhalten, lehnen vor allem junge Menschen den Verzehr ab. Haustiere boomen, Tierkliniken und Zoofachgeschäfte florieren. Gleichzeitig entsteht ein neues Geschäftsmodell: Diebe stehlen Haustiere, verlangen Lösegeld und drohen, sie an Restaurants zu verkaufen. Bisher werden solche Erpressungen selten bestraft, in einigen Fällen haben wütende Dorfbewohner Hundediebe gelyncht.



