Bei der wohl irrsten WM aller Zeiten passieren irre Dinge. Unser Kolumnist würdigt täglich die schillernden, absurden, schönen und durchgeknallten Katar-Momente. Lesezeit: Garantiert unter einer Minute.
Ich habe es zunächst mit einem motivierenden Ton versucht. Hey, es ist Fußball-WM, ihr dürft spät ins Bett. Es gibt Gurkensnacks und Chips! Aber meine Kinder hatten keine Lust. Sie haben sich, vermutlich aus Mitleid mit mir, 20 Minuten zu einem Vorrundenspiel ins Wohnzimmer gesetzt. Wales gegen England. Dann fingen sie an, laut die Rückennummern der Spieler vorzulesen. Irgendwann habe ich gesagt: Entweder ihr zählt leise oder ihr geht raus.
Ich verstehe nicht, warum sie sich selbst dann nicht für die WM interessieren, wenn sie abends bis um zehn aufbleiben dürfen, um fernzusehen. Unsere Tochter ist acht, unser Sohn wird bald sechs. Wir schauen mit ihnen ein Mal in der Woche einen Film, manchmal auch nichts. Ja, so anstrengende Eltern sind wir. Dafür dürfen sie keine Cola trinken. Ich fand immer, man muss die Kleinen möglichst früh gegen sich aufbringen, damit sie später ein Thema haben, gegen das sie rebellieren können. Sie sollten sich zu kritischen Wesen entwickeln. Aber nicht so kritisch.
Nach einer Viertelstunde rief mein Sohn: »Papa, das ist scheiße langweilig.« Ich rief: Langweilig sagt man nicht! Er hatte offenbar nicht begriffen, wozu eine WM da ist: damit sein Vater ihm erklärt, wer gut spielt, wer nicht und was man bei der Aufstellung hätte besser machen können. Ich wollte Neugier säen und habe Gleichgültigkeit geerntet. Meine Seele blutet. Das Leben ist grausam. Zum Glück ist das Turnier bald vorbei.



