Léa und Louis Linster: Guter Geschmack liegt in der Familie
Léa und Louis Linster: Guter Geschmack in der Familie

Léa Linster ist eine Erscheinung. Blondierter Bob, Perlenkette, weiße Chucks – und ein Lächeln, das nicht aufgesetzt ist. Die 71-Jährige wirkt alles andere als in ihrem Alter. Im lilafarbenen Madeleinecafé in Luxemburg-Stadt empfängt sie ihre Gäste wie alte Freunde. Schon bei der zweiten Begegnung gibt es Wangenküsse, und man ist per Du. Ihr Strahlen gilt jedem, der durch die Tür tritt – es ist das Original, nicht das angeknipste Grinsen mancher TV-Stars.

Das Café, in dem das Gespräch stattfindet, trägt die Handschrift seiner Inhaberin: lila Wände, eine leichte, einladende Atmosphäre, an den Tischen sitzen Menschen, die sich sichtlich wohlfühlen. Man spürt: Hier arbeitet jemand, der ihr Handwerk liebt. Léa Linster gehört zu den einflussreichsten Köchinnen Europas, doch sie benimmt sich nicht wie eine Diva. Sie plaudert, lacht und nimmt sich Zeit.

Neben ihr sitzt ihr Sohn Louis. Auch er ist Sternekoch und führt das kulinarische Erbe der Familie fort. Gemeinsam haben die beiden dem Tagesspiegel ein Doppelinterview gegeben, geführt von Autorin Eva Biringer. Das Thema: die Frage, ob guter Geschmack in den Genen liegt. Mutter und Sohn gehen dieser Frage mit persönlichen Anekdoten und einer gehörigen Portion Selbstironie nach.

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Louis: Vom Wunderkind zum Sternekoch

Die beeindruckendste Geschichte erzählt Léa über die Kindheit ihres Sohnes. "Als Louis vier Jahre alt war, gurgelte er Wein wie ein Profi", erinnert sie sich. Ein Satz, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht – nicht nur, weil man sich einen Vierjährigen mit Weinglas nur schwer vorstellen kann, sondern weil er zeigt, wie früh sich Louis für die Feinheiten der Kulinarik interessierte. Mit 14 Jahren ging er noch einen Schritt weiter: Er übte sich an Foie gras, einem der anspruchsvollsten Gerichte der französischen Küche.

Diese frühe Hingabe war kein Zufall. In der Familie Linster spielte Essen schon immer eine zentrale Rolle. Léa selbst hat jahrzehntelang bewiesen, dass Frauen in der Spitzengastronomie ganz vorne mitmischen können. Sie ist eine der wenigen Köchinnen, die sich in einem von Männern dominierten Feld durchgesetzt haben – und sie hat diesen Weg mit Leidenschaft, Disziplin und einem untrüglichen Geschmackssinn geebnet. Ihr Sohn hat diesen Weg eingeschlagen und sich eigene Verdienste erworben.

Guter Geschmack: Veranlagung oder Erziehung?

Die Frage, ob guter Geschmack angeboren ist, wird in der Wissenschaft seit Langem diskutiert. Das Doppelinterview der Linsters liefert dazu ein anschauliches Beispiel. Die Anekdote vom Vierjährigen, der den Wein professionell gurgelt, spricht für eine natürliche Begabung. Doch Léa und Louis machen deutlich, dass Begabung allein nicht reicht. Es braucht die richtige Umgebung, Vorbilder und die Gelegenheit, sich auszuprobieren.

Louis hatte dieses Glück: Er wuchs in einer Familie auf, in der Genuss zum Alltag gehörte. Seine Mutter war Vorbild und Mentorin zugleich, ohne ihn zu bevormunden. So konnte er seinen eigenen Stil entwickeln, Wurzeln und Eigenes verbinden. Das Ergebnis ist ein Koch, der heute selbst Maßstäbe setzt – und dabei immer noch von der Leidenschaft seiner Mutter profitiert.

Ein ungewöhnliches Duo in der Sterneküche

Mutter und Sohn als Sterneköche – das ist auch in der internationalen Gastroszene eine Seltenheit. Während viele Familienbetriebe in der Küche aufhören oder die Kinder andere Wege gehen, ist bei den Linsters die Leidenschaft für gutes Essen zur Familientradition geworden. Das Doppelinterview zeigt, wie diese Tradition gepflegt wird: nicht mit Druck, sondern mit gelebter Begeisterung. Léa hat Louis nie gezwungen, Koch zu werden. Sie hat ihm einfach vorgelebt, wie erfüllend dieser Beruf sein kann.

Genau das schätzt Louis an seiner Mutter. In dem Gespräch wird deutlich, wie tief ihre Bindung ist. Sie lachen über gemeinsame Erinnerungen, ergänzen sich bei Erzählungen und scheuen auch nicht davor zurück, einander liebevoll zu necken. Diese Herzlichkeit überträgt sich auf den Leser – und macht das Interview zu einem Plädoyer für die Familie als Keimzelle des Geschmacks.

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Ein Besuch im Madeleinecafé

Das Gespräch endet so, wie es begonnen hat: mit einem Lächeln. Léa Linster bietet noch einen Kaffee an, plaudert mit den Gästen und sorgt dafür, dass sich jeder willkommen fühlt. Man verlässt das Madeleinecafé mit dem Gefühl, einem echten Urgestein der Kochkunst begegnet zu sein. Und mit der Überzeugung, dass guter Geschmack eben doch eine Frage der Familie ist – vorausgesetzt, man wird gefördert und fordert sich selbst.