Forscher entdecken ältesten Pest-Ausbruch vor 5.500 Jahren in Sibirien
Ältester Pest-Ausbruch: 5.500 Jahre alter Fund in Sibirien

Früher und tödlicher als gedacht: Forscher entdecken 5.500 Jahre alten Pest-Ausbruch

Über Jahrhunderte war die Pest eine Geißel der Menschheit. Lange blieb rätselhaft, wann die tödlichen Epidemien erstmals auftauchten und wie sie sich verbreiteten. Eine Studie liefert überraschende Einblicke.

Die Pest gilt als eine der verheerendsten Seuchen der Menschheitsgeschichte, die in Eurasien vor allem seit der späten Antike, im Mittelalter und bis in die Neuzeit große Teile der Bevölkerung dahingerafft hat. Doch seit wann die bakteriell verursachte Krankheit Menschen zusetzte, war bislang unbekannt. Nun haben Forscher im Südosten Sibiriens den bislang frühesten Nachweis für einen tödlichen Pest-Ausbruch gefunden.

Das Team um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen untersuchte in der Umgebung des Baikalsees im heutigen Russland vier bis zu 5.500 Jahre alte Friedhöfe. Dort war mehr als ein Drittel – 39 Prozent – der bestatteten Menschen mit dem Pest-Erreger Yersinia pestis infiziert, wie das Team im Fachjournal Nature schreibt.

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Frühe Peststämme bereits hochvirulent

„Bisher war umstritten, ob die frühesten Formen der Pest mild oder aggressiv waren“, erläuterte Willerslev. „Aber unsere Resultate zeigen, dass diese alten Stämme bereits sehr tödlich waren.“ Der Fund wirft auch ein Schlaglicht auf viele weitere Rätsel um die Herkunft und die Verbreitungswege der Pest. Zudem widerlegt er die vielzitierte Annahme, erst die Einführung der Landwirtschaft – mit der daraus resultierenden höheren Bevölkerungsdichte und der Gründung von Städten – habe große Epidemien der Pest und anderer Infektionskrankheiten ermöglicht.

Zwar gab es im 4. Jahrtausend vor Christus in vielen Regionen Eurasiens schon längst Ackerbau, doch in der Baikal-Region lebten die Menschen damals noch als Jäger und Sammler, wie das Team um Erstautor Ruairidh Macleod betont, der inzwischen an der Universität Oxford forscht.

Pest als katastrophale Epidemie der Menschheitsgeschichte

Ausbrüche der Pest zählten zu den katastrophalsten Epidemien der Menschheitsgeschichte, schreiben die Autoren. Beispiele dafür in Europa sind unter anderem die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert, der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert oder die Große Pest im frühen 18. Jahrhundert, denen jeweils Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Bis heute taucht die Krankheit in verschiedenen Weltregionen auf, nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor allem in Madagaskar, der Demokratischen Republik Kongo und Peru.

Erreger-Erbgut aus Zähnen rekonstruiert

Unklar war bisher, woher die Krankheit stammt, wann die ersten Ausbrüche begannen und welche Folgen sie hatten. Dazu liefert die aktuelle Studie wichtige Erkenntnisse. Bekannt ist, dass sich der Erreger irgendwann während der vergangenen schätzungsweise 50.000 Jahre von seinem engsten Verwandten abgespalten hat, dem Yersiniose-Erreger Yersinia pseudotuberculosis. Entdeckt wurden zwar bereits frühe, etwa 5.000 Jahre alte Varianten des Bakteriums Y. pestis in Schweden und Lettland – ihnen fehlten jedoch die klassischen Virulenzgene, sodass unklar ist, wie aggressiv diese frühen Erreger tatsächlich waren.

Zudem fehlte ihnen die genetische Voraussetzung, die für die Übertragung des Bakteriums von tierischen Wirten durch Flöhe auf den Menschen erforderlich ist. Auch daher war fraglich, ob diese Erreger überhaupt dazu in der Lage waren, größere Ausbrüche zu verursachen.

Hohe Sterblichkeit unter Jägern und Sammlern

„Hinweise zu den demografischen Auswirkungen von Pestinfektionen auf prähistorische Bevölkerungen fehlten in Studien bisher“, schreibt die Gruppe. Die Forscher untersuchten nun vier Friedhöfe aus der Region westlich und nördlich des Baikalsees, die zwischen 4.900 und 5.500 Jahre alt sind. Dabei rekonstruierten sie aus Zähnen das Erbgut der bakteriellen Erreger.

Auf den Friedhöfen enthielten 18 der 46 Menschen – also 39 Prozent – Erbgut des Pest-Erregers. Diesen hohen Anteil infizierter Menschen interpretiert das Team als Hinweis auf „eine katastrophale Sterblichkeit“ unter Gruppen, die zu jener Zeit offenbar in engem Kontakt standen.

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Kinder besonders betroffen

Unter den Toten waren auffällig viele Kinder. Das Genom eines 10- bis 12-jährigen Jungen wurde vollständig sequenziert, um den Peststamm zu analysieren, mit dem er infiziert war. Viele der Toten wurden vermutlich binnen kurzer Zeit bestattet, oft handelte es sich um enge Verwandte wie Geschwister oder Eltern und ihren Nachwuchs. Unter den Toten der beiden größeren Friedhöfe waren auffällig viele Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren, Menschen zwischen 20 und 35 Jahren waren dagegen kaum darunter.

Dies könnte eventuell damit zu tun haben, dass ältere Individuen möglicherweise schon früher mit der Pest in Kontakt gekommen und dadurch eher geschützt waren, spekuliert das Team. Möglich sei aber auch, dass Kinder vor der Pubertät aufgrund ihres Immunsystems besonders anfällig für die Folgen der Krankheit waren. Eine weitere Ursache könnte die Arbeitsteilung in den betroffenen Gruppen sein.

Übertragung durch Tröpfchen-Infektion?

Als sicher gilt, dass ein Reservoir des Erregers in Sibirischen Murmeltieren (Marmota sibirica) lag, die wegen ihres Fleischs und Fells gejagt wurden. Menschen könnten sich während des Schlachtens und Häutens solcher Tiere infiziert haben, schreiben die Forscher. Im Gegensatz zu späteren Erregern wurden die damaligen Pest-Bakterien vermutlich nicht über Flöhe übertragen, da ihnen das sogenannte ymt-Gen fehlt, das für die Besiedlung dieser Insekten erforderlich ist. Möglicherweise sei der Erreger per Tröpfchen-Infektion beim Husten von Mensch zu Mensch übertragen worden – ähnlich wie bei der heutigen Lungenpest.

Pest-Reservoire in Nagetieren

Virulente Pest-Stämme gebe es vermutlich schon seit 5.700 Jahren, vermutet die Gruppe. „Diese Resultate zeigen, dass Pest-Ausbrüche früher als bisher angenommen vorkamen und tatsächlich tödlich waren.“ Möglicherweise sei die Krankheit in Mittel- oder Nordost-Asien entstanden und habe sich von dort aus in Eurasien verbreitet, über Reservoire in Nagetieren wie etwa Murmeltieren.

Studien deuten für die Autoren darauf hin, dass derzeit etwa 350 Arten Reservoire für Pest-Erreger bilden. Dies unterstreiche die Verbreitung von Infektionen durch Erreger, die ursprünglich aus dem Tierreich stammen. „Diese Erkenntnisse sind ebenso wichtig wie vor 5.500 Jahren für die Herausforderungen, vor denen die heutige Welt steht“, schreibt die Gruppe. 75 Prozent der neuen menschlichen Krankheitserreger stammen demnach aus dem Tierreich.

Rolle von Landwirtschaft und Viehzucht

Zwar widerlegt die Studie die Vermutung, dass Epidemien von Infektionskrankheiten erst nach Einführung der Landwirtschaft entstehen konnten. Doch dass Jäger und Sammler tatsächlich weniger von solchen Ausbrüchen heimgesucht wurden, ergab erst voriges Jahr eine große Genomstudie im Fachjournal Nature, ebenfalls unter Leitung von Willerslev. Dabei untersuchte das Team – darunter auch deutsche Forscher – die Genome von mehr als 1.300 Menschen aus Eurasien, die vor bis zu 37.000 Jahren lebten. Die Analyse belegt, dass eurasische Jäger und Sammler weniger Krankheitserreger trugen als spätere Bauern und Hirten. Ganz frei davon waren aber auch sie nicht.

So fand das Team etwa den Erreger der Darmentzündung Yersiniose, Yersinia enterocolitica, bei einem Menschen, der vor etwa 6.400 Jahren im Gebiet des heutigen Dänemarks lebte. Noch wesentlich älter ist der Nachweis des Hepatitis-B-Virus bei Bewohnern Sibiriens, die vor knapp 10.000 Jahren lebten. Doch gerade Erreger, die von Tieren auf den Menschen übersprangen, tauchten demnach mit der Landwirtschaft und Viehzucht vermehrt auf. „Obwohl es zoonotische Fälle wohl auch schon vor mehr als 6.500 Jahren gab, stiegen das Risiko und das Ausmaß wahrscheinlich erst mit der verbreiteten Annahme von Viehzucht und Hirtentum an“, schrieb das Team damals.