Ein außergewöhnlicher Fund an der Westküste Irlands beschäftigt derzeit die Wissenschaft. Erstmals wurde dort ein Grönlandhai angespült. Das rund drei Meter lange Tier gehört zu den langlebigsten Wirbeltieren der Erde und könnte bereits mehr als 150 Jahre alt gewesen sein. Die Strandung eröffnet Forschern nun die seltene Möglichkeit, eine der geheimnisvollsten Haiarten der Welt genauer zu untersuchen.
Entdeckung in der Grafschaft Sligo
Der tote Hai wurde Mitte April in der Grafschaft Sligo von zwei Jugendlichen entdeckt und an die Irish Whale and Dolphin Group (IWDG) gemeldet. Zunächst hielten die Finder das Tier für einen Riesenhai. Fotos bestätigten jedoch schnell, dass es sich um einen deutlich selteneren Grönlandhai (Somniosus microcephalus) handelte. Nach Angaben der IWDG auf der Plattform Instagram ist es die erste dokumentierte Strandung dieser Art an der irischen Küste.
Langlebigste Wirbeltiere der Erde
Grönlandhaie leben in den kalten Tiefen des Nordatlantiks und der Arktis bei minus 1,8 bis minus 2 Grad Celsius. Hohe Konzentrationen von Chemikalien in ihrem Körper wirken als Frostschutzmittel, was jedoch als Nebenwirkung ihr Fleisch giftig macht. Sie gelten als die langlebigsten bekannten Wirbeltiere überhaupt. Wissenschaftliche Schätzungen gehen laut der Deutschen Stiftung Meeresschutz davon aus, dass einzelne Tiere 300 bis sogar über 500 Jahre alt werden können.
Das in Irland gefundene Männchen misst 2,87 Meter. Nach Einschätzung der IWDG befand sich der Hai vermutlich kurz vor der Geschlechtsreife. „Das ist wirklich schade. Dieser Kerl brauchte 150 Jahre, um sich fortzupflanzen, einen Beitrag zur Erholung des Bestandes zu leisten, und vielleicht hatte er gar nicht mehr die Chance dazu“, sagte Meeresbiologin Emilie De Loose von der Irish Whale and Dolphin Group gegenüber der BBC.
Bergungsaktion mit Kran
Weil der Kadaver an einer schwer zugänglichen Küste lag und die Flut drohte, organisierten das National Museum of Ireland, Behörden, Wissenschaftler und Freiwillige kurzfristig eine gemeinsame Bergungsaktion. Mithilfe eines Krans wurde der über 200 Kilogramm schwere Hai geborgen und in ein Veterinärlabor gebracht.
Dort untersuchen Forscher nun sämtliche Organe und Gewebeproben. Die Augenlinsen sollen unter anderem mithilfe der Radiokarbonmethode das genaue Alter des Tieres bestimmen. Haut, Organe und weitere Proben werden dauerhaft wissenschaftlich archiviert. Das Nationalmuseum hofft zudem, den Hai später ausstellen zu können.
Geheimnisse der Grönlandhaie
„Für einen so großen Hai mit einer so weiten Verbreitung ... ist es erstaunlich, wie wenig wir über diese Haie wissen“, sagte die Meeresbiologin Brynn Devine der BBC. Wo sie sich paaren oder ihre Jungen zur Welt bringen, ist bis heute unbekannt. Selbst die Größe der weltweiten Population lässt sich kaum abschätzen.
Auch die Todesursache des irischen Hais bleibt vorerst offen. Einer seiner Hoden war verdreht, und die Milz hatte eine ungewöhnliche Farbe, sagt De Loose gegenüber dem britischen Sender, aber insgesamt schien der Hai gesund zu sein. Bei der ersten Untersuchung hätten die Wissenschaftler keine offensichtlichen Verletzungen oder Hinweise darauf gefunden, dass das Tier in Fischereigerät geraten sei. Weitere Laboranalysen sollen nun klären, warum der seltene Tiefseehai starb.
Augen und Herz überraschen Forscher
Besonders interessieren sich Wissenschaftler für Augen und Herz der Tiere. Eine aktuelle Studie, erschienen in der Fachzeitschrift „Nature“, kommt zu dem Ergebnis, dass Grönlandhaie selbst nach mehr als einem Jahrhundert über erstaunlich gut erhaltene Netzhäute verfügen. „Ihr Sehsystem ist im Grunde wie eine ‚Kamera für schwaches Licht‘“, erklärte Evolutionsbiologin Lily Fogg von der Universität Basel der BBC.
Auch das Herz scheint außergewöhnlich widerstandsfähig zu sein. Eine in der Open-Access-Fachzeitschrift „Aging Cell“ erschienene Untersuchung deutet darauf hin, dass Grönlandhaie Mechanismen entwickelt haben könnten, die typische Alterungsprozesse deutlich verlangsamen. Erkenntnisse daraus könnten langfristig auch für die Altersforschung beim Menschen von Bedeutung sein.



