Narzissmus ist kein statisches Phänomen – er verändert sich im Laufe des Lebens. Eine Psychologin erklärt, in welchem Alter der sogenannte „Größenwahn“ am stärksten ausgeprägt ist und warum bestimmte Lebensphasen besonders anfällig für narzisstische Verhaltensweisen machen.
Studie zeigt: Narzissmus erreicht in der Lebensmitte seinen Höhepunkt
Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2019 belegte, dass narzisstische Tendenzen in der Lebensmitte häufig ihren Höhepunkt erreichen und mit zunehmendem Alter wieder nachlassen. Die Berliner Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Lisa Zimmermann bestätigt diese Erkenntnisse: „In der Lebensmitte, etwa zwischen 40 und 50 Jahren, zeigen sich narzisstische Selbstüberhöhung und innere Unsicherheit oft besonders stark.“
Hormone und Beziehungen als Einflussfaktoren
Die Ausprägung des Narzissmus variiert laut Zimmermann nicht nur nach Persönlichkeitstyp, sondern auch je nach Lebensphase. Hormonelle Veränderungen spielen dabei eine entscheidende Rolle. „In der Lebensmitte kommt es zu hormonellen Umstellungen, die das Selbstwertgefühl beeinflussen können“, erklärt die Expertin. Auch Beziehungen haben einen erheblichen Einfluss auf die Stärke narzisstischer Symptome. „Menschen in stabilen Partnerschaften zeigen oft weniger narzisstische Verhaltensweisen, während Trennungen oder berufliche Rückschläge den Narzissmus verstärken können“, so Zimmermann.
Vom kleinen Prinzen zur bröckelnden Rüstung
Die Veränderung des Narzissmus im Laufe des Lebens lässt sich mit einer Metapher beschreiben: Vom „kleinen Prinzen“ in der Jugend, der noch nach Anerkennung sucht, bis zur „bröckelnden Rüstung“ im Alter, wenn die Fassade des Selbstbewusstseins Risse bekommt. Die Symptome erschweren Narzissten das Heranwachsen und die Anpassung an neue Lebensumstände. Während junge Narzissten oft durch übersteigertes Selbstbewusstsein auffallen, zeigen ältere Narzissten eher Verbitterung und Rückzug.
Warnzeichen für narzisstische Mütter und Väter
Besonders problematisch kann Narzissmus in der Eltern-Kind-Beziehung sein. Narzisstische Mütter und Väter können ihre Kinder emotional vernachlässigen oder übermäßig kontrollieren. Die Psychologin rät, auf Warnzeichen wie mangelnde Empathie, ständigen Anerkennungsbedarf oder die Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, zu achten. Auch Co-Narzissten, die sich in einer Abhängigkeitsbeziehung zu einem Narzissten befinden, leiden oft unter innerer Leere und mangelndem Selbstwertgefühl.
Die Erkenntnisse der Studie und die Erfahrungen der Expertin zeigen: Narzissmus ist ein dynamisches Phänomen, das sich über die Lebensspanne verändert. Während der Höhepunkt in der Lebensmitte liegt, können frühe Prägung und spätere Lebensereignisse die Ausprägung beeinflussen. Ein bewusster Umgang mit den eigenen narzisstischen Anteilen und professionelle Hilfe können dazu beitragen, die negativen Auswirkungen zu minimieren.



