Das Partygelände RAW in Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg steht vor dem Aus, doch Club-Chef Florian Falkenhagen vom Cassiopeia stemmt sich mit einer neuen Attraktion gegen die Krise. Seit Anfang Juli lockt er Besucher mit der immersiven Licht-Sound-Show „Rising Spaces“ in seine Räume – ein Spektakel, das tagsüber Familien und Touristen anzieht. Die Zukunft des Areals bleibt indes ungewiss, nachdem die Eigentümer, die Kurth-Gruppe, das Bebauungsplanverfahren für gescheitert erklärt haben.
RAW-Gelände in der Schwebe: Verhandlungen stocken
Die Kurth-Gruppe, Haupteigentümer des Ausgeh-Areals, hatte ursprünglich einen Deal mit dem Bezirk geplant: Baurecht für Büros, Einzelhandel und Wohnungen im Austausch gegen eine 30-jährige Bestandsgarantie für die 80 Clubs, Gastronomie- und Kulturorte. Doch der Bezirk wirft den Eigentümern vor, zu viel zu schnell zu wollen. „Man habe das Areal 2015 erworben: Da dürfe man schon mal erwarten, irgendwann Baurecht zu erhalten“, kontert die Kurth-Gruppe. Die Senatsbauverwaltung versucht zu vermitteln. Am 30. Juni und 6. Juli fanden weitere Gespräche statt, über deren Inhalt jedoch Stillschweigen vereinbart wurde.
Cassiopeia trotzt der Krise: Neue Show als Rettungsanker
Unternehmer wie Falkenhagen, dessen Club seit 21 Jahren besteht und rund 100 Menschen beschäftigt, müssen trotz Räumungsfrist Ende Juni die Nerven behalten. Sein aktuelles Projekt „Rising Spaces“ könnte wirtschaftliche Stabilität bringen. „Meine Ausgangsfragen waren: Warum findet Clubkultur nur in der Nacht statt? Warum können wir nicht Leute einbinden, die nicht tanzen wollen, aber das Gefühl von Club mitnehmen wollen?“, erklärt Falkenhagen. Die Show lockt ein ganz neues Publikum an: Familien, Touristen und Zufallsgäste, die nicht bis vier Uhr morgens tanzen müssen. Einen Türsteher gibt es nicht.
Licht-Ton-Erlebnis auf zwei Etagen
Der Hauptfloor ist zunächst verdunkelt, dann blenden milchige Lichtflächen auf, die sich wie riesige Glasböden über den Raum schieben und an einer Pyramide herabgleiten. Elektrosound lässt das Zwerchfell vibrieren. Nebenan betreten Besucher einen Technikraum, der wie die Technikebene eines gestrandeten Raumschiffs wirkt: rot und blau blinkende Kabel, Blitze und zischende Geräusche, unheimlich brodelnde Klänge. Oben wartet ein Virtual-Reality-Erlebnis: Mit VR-Brillen schießen Discokugeln auf die Betrachter zu, die in knallbunte Wunderwelten mit Barbie-pinkfarbenen Pflanzen oder dystopische Cyber-Krimi-Szenen eintauchen. Pro Zeitfenster können 30 Besucher den Club betreten und sich frei zwischen den Stationen bewegen.
Studenten erschaffen digitale Welten
Die virtuellen Clips stammen von Studierenden des Studiengangs Kommunikationsdesign der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Unter Professor Pablo Dornhege sammelten sie mit 3D-Apps auf dem RAW-Gelände Bilder. „Binnen fünf Tagen war alles beisammen“, so der Kurator Leonard Klinkenstein. Die digitalen Welten können bis zu vier Besucher gleichzeitig betreten. Falkenhagen betont, dass die Show nicht als Alternative zum bisherigen Clubbetrieb oder als Reaktion auf die Umbruchsituation zu verstehen sei. Das Cassiopeia mache unbeirrt weiter; die Lichtelemente werden im Juli ins DJ-Programm integriert.
Clubkultur am Tag: Neue Zielgruppen für Berlins Partyszene
Falkenhagen, Vorstandsmitglied der Clubcommission, will mit „Rising Spaces“ das Angebot der Locations erweitern. Die Idee entstand vor zwei Jahren, die Vorbereitungen liefen sieben Monate. Die jüngste Studie der Clubcommission von 2019 konstatierte steigende Preise und sinkende Besucherzahlen. Die neue Auflage steht in diesen Wochen bevor. Shows wie Falkenhagens könnten für wirtschaftliche Stabilität sorgen. „Rising Spaces“ läuft noch bis Ende Juli.



