Wenn sich Regina (66) und Erik (30) auf der Straße küssen, brauchen Passanten einen Moment, um zu begreifen, was sie sehen. Die beiden sind ein ungewöhnliches Paar – seit fast neun Jahren unzertrennlich. Kennengelernt haben sie sich, als Erik noch mitten im Abitur steckte und der Freund von Reginas Sohn war.
Vom Untermieter zum Partner
Zunächst war Erik einfach nur der Freund ihres Sohnes. „Er kam öfter bei uns vorbei“, erinnert sich Regina. „Wenn wir uns trafen, grüßten wir uns, redeten über die Schule, die Band, in der Erik Gitarre spielte.“ Mit 18, mitten im Abi, wollte Erik von zu Hause ausziehen und suchte ein Zimmer. Regina und ihr damaliger Mann hatten Platz im Haus und nahmen den Freund ihres Sohnes als Untermieter auf.
Erik erinnert sich: „Wenn ich von der Schule nach Hause kam, war Regina meist in der Küche.“ Sie sagt: „Er hat den Ranzen in die Ecke geschmissen, sich an den Tisch gesetzt und dann haben wir gequatscht.“ Die Gespräche drehten sich um das, was am Tag passiert war, um Bücher, die Erik lesen musste, und um die großen Fragen des Lebens. „Wir machten uns Gedanken über die Religionen der Welt, das Universum“, erinnert er sich.
Eine Verbindung, die tiefer geht
Während sich in Eriks Freundeskreis alles um Partys und Beziehungsdramen drehte, bot Regina eine andere Art von Austausch. „Mit Regina reden, das war anders“, sagt Erik. Nach der Trennung von ihrem Mann sprach Erik aus, was er schon länger fühlte. Mit 21 fragte er Regina, ob sie sich eine Beziehung mit ihm vorstellen könne. Reginas erste Reaktion: „Weißt du, wie alt ich bin?“ Doch Erik blieb hartnäckig: „Vielleicht bereust du es am Ende deines Lebens, wenn du es nicht wenigstens versucht hast.“
Regina zögerte: „Ich war frisch getrennt und wollte nicht noch einmal verletzt werden.“ Auch ihr Körper war ein Thema. „Ich war fast 60 und sollte nackt vor ihm herumlaufen? Um Gottes willen!“ Doch zwischen ihnen wurde das Körperliche schnell selbstverständlich. „Dass wir Sex haben, ist für viele der größere Schock als unsere Beziehung an sich“, sagt Erik. Er könne sich eine Beziehung ohne Sex nicht vorstellen. Reginas Alter habe für ihn nie eine Rolle gespielt.
Alltag in Nordhessen
Heute leben Regina und Erik in einer gemeinsamen Wohnung in einem kleinen Ort in Nordhessen, zwischen gemähten Wiesen und hübsch bepflanzten Vorgärten. „Das war gar nicht so einfach“, sagt Regina. „Viele Vermieter tun sich schwer mit einem Paar, das auf den ersten Blick Mutter und Sohn sein könnte.“
Erik arbeitet im Supermarkt des Nachbarortes, bringt abends frische Lebensmittel mit. Dann kochen sie zusammen, spielen Computerspiele in einer gemeinsamen Welt – Survival, Open World und Rollenspiele. „Playstation, Konsolen, das war meine Kindheit“, sagt Erik. Regina ist durch ihn zum Profi geworden. Sie lesen viel und reden. „Es gibt nichts, worüber ich nicht mit ihr reden kann“, sagt Erik. Regina schwärmt: „Seine Liebe ist eine irrsinnige Bereicherung. Ich bin dankbar, dass ich das noch erleben darf.“
Reaktionen des Umfelds
Wenn das Paar unterwegs ist, wird Regina oft für Eriks Mutter gehalten. „Wenn wir unterwegs sind, flirten oft junge Mädels mit ihm“, sagt Regina. Erik lässt das nie stehen. „Sie ist nicht meine Mutter. Sie ist meine Frau“, ist sein Standardspruch. Der Kontakt zu Eriks Eltern ist abgebrochen. „Sie wollten unsere Beziehung nicht akzeptieren“, sagt er. Zu ihren älteren Kindern hat Regina keinen Kontakt, aber zu ihrem Sohn – Eriks ehemaligem Freund – ist die Verbindung sehr eng. „Als wir ihm beim Essen unsere Liebe beichten wollten, hatte er es längst geahnt“, sagt Regina. „Wir sehen uns sehr oft. Darüber bin ich wirklich glücklich und dankbar.“
Zukunftspläne
Was dem Paar fehlt? „Erik wäre ein toller Vater“, sagt Regina. „Ich würde gerne sehen, wie er mit Kindern umgeht.“ Erik meint, er habe ja noch Zeit. „In 20 Jahren bin ich 50. Dann geht das immer noch.“ Jetzt wolle er mit ihr zusammen sein. „Wir leben im Hier und Jetzt“, sagen beide.



