Rekordhitze in Frankreich: Kliniken überlastet, Dutzende Tote durch Ertrinken
Rekordhitze in Frankreich: Kliniken überlastet, viele Tote

Die Rekordhitze in Frankreich hat zu einer dramatischen Überlastung der Krankenhäuser im Großraum Paris geführt. Klinikvertreter sprechen von einer „äußerst schwerwiegenden Lage“. Chefarzt Philippe Juvin vom Georges-Pompidou-Krankenhaus in Paris sagte dem Nachrichtensender BFM-TV, der Patientenstrom sei seit Montag nicht abgerissen und habe am Dienstag sogar deutlich zugenommen. „Die Flure sind voll“ mit Patienten – überwiegend ältere Menschen, aber auch Personen im Alter von 50 bis 60 Jahren, die unter sehr hohem Fieber litten. Besonders besorgniserregend: Juvin berichtete von Obdachlosen, die mit einer Körpertemperatur von 42 Grad eingeliefert wurden – eine lebensgefährliche Folge eines Hitzschlags. Die Krankenhauskapazitäten seien ausgelastet oder gar überlastet.

Steigende Sterblichkeit und Appelle an die Bevölkerung

Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire meldete bereits am Donnerstag eine gestiegene Sterblichkeit in der Stadt. „Alle Indikatoren stehen schlecht: die Notrufe, die Feuerwehreinsätze, die Krankenhausaufnahmen, die Todesfälle“, sagte er. Er appellierte eindringlich an die Bevölkerung, die Lage ernst zu nehmen und nicht zur heißesten Tageszeit die Wohnung zu verlassen. „Gestern Abend um 19:30 Uhr sah ich rund Hundert Jogger. Ehrlich gesagt: Das ist unverantwortlich.“ Die für das Wochenende in Paris geplante Pride-Parade wurde auf September verschoben. Zudem gilt ab Freitagmittag ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit, um die Krankenhäuser zu entlasten.

Extreme Temperaturen und Versorgungsengpässe

Paris hat diese Woche die 40-Grad-Marke geknackt, an der Atlantikküste wurde am Dienstag sogar ein Spitzenwert von 44,3 Grad registriert. Ventilatoren und Klimageräte sind vielerorts ausverkauft. Baumärkte berichten von verzweifelten Kunden, darunter kleine Kinder und ältere Menschen in Notlage, die in glühend heißen Wohnungen leben. „Die gesamte Hauptstadtregion hat keine Ventilatoren mehr auf Lager“, sagte eine Schulleiterin der Zeitung „Le Monde“. Die Geräte sollen erst nächste Woche ankommen – wenn die Temperaturen längst wieder gesunken sind.

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Bizarre Schlafgewohnheiten in Kellern und Tiefgaragen

Die Hitze macht erfinderisch. „Es ist ein Backofen, man kann kaum atmen“, warnt der Franzose Raphaël den Reporter des Nachrichtensenders FranceInfo. Seit vier Nächten schläft der Toningenieur auf einer Matratze in seinem Kellerverschlag, wo die Temperatur knapp unter 20 Grad liegt. Oben in seiner Wohnung hat es fast 32 Grad. „Man darf keine Angst vor Spinnen haben“, wird er zitiert. Auch andere Familien schlafen derzeit zwischen Heizkessel und Waschmaschine oder überlegen, nachts in die Tiefgarage auszuweichen. „Wir haben einen tollen, kühlen Parkbereich und überlegen, einen davon so einzurichten, dass wir uns hinlegen können“, zitiert der Sender eine Frau.

Tödliche Abkühlungen im Wasser

Viele Menschen suchen Abkühlung in Freibädern und Gewässern – mit teils tödlichen Folgen. Sportministerin Marina Ferrari gab bekannt, dass seit Beginn der Hitzewelle landesweit mindestens 55 Menschen in Gewässern ertrunken sind, über die Hälfte davon an nicht überwachten oder nicht zum Schwimmen freigegebenen Stellen. In Paris sind die Ufer der Seine weit nach Mitternacht noch gut besucht.

Hitzeschutzmaßnahmen und strukturelle Probleme

Bürgermeister Grégoire gehörte in den vergangenen Jahren zu den federführenden Verantwortlichen der grünen Transformation der französischen Hauptstadt, die auch auf Hitzeschutz ausgelegt ist. Tausende Parkplätze wurden entsiegelt, über 100.000 Bäume gepflanzt, der Autoverkehr reduziert. Wäre Paris noch wie vor zehn bis fünfzehn Jahren aufgebaut, wäre die gefühlte Temperatur laut Studien wohl drei bis sechs Grad höher. Problematisch bleibt die große Verbreitung von Zinkdächern und der Haussmann-Architektur des 19. Jahrhunderts. „Wir müssen aufhören, Hitzewellen als seltene Ausnahmen zu betrachten – sie sind ein strukturelles Phänomen“, sagte Grégoire. Paris müsse seine Lebensrhythmen anpassen: früher beginnen, lange Mittagspause, später enden. „Unser Klima wird eines Tages jenem von Sevilla ähneln.“

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Schulen und Prüfungen unter der Hitze

Viele Schulen in Frankreich haben Prüfungen zur Hochschulreife verschoben. Nicht so das Lycée Georges-Clémenceau im Pariser Vorort Villemomble. Um 9:45 Uhr zeigte das Thermometer in einem Vorbereitungsraum 33,5 Grad. Der 17-jährige Semy sagte der Zeitung „Le Monde“: „Ich hatte Gedächtnislücken. Ich konnte mich nicht konzentrieren, ich hörte immer wieder auf und trank.“ Am Nachmittag kletterte das Thermometer auf 38 Grad, eine Schülerin brach zusammen und ein Lehrer musste ebenfalls ins Krankenzimmer gebracht werden.

Tragischer Tod eines Dreijährigen und weiteres Unglück

In Saint-Gratien bei Paris starb am Mittwoch ein dreijähriger Junge, der sich im Auto eingeschlossen hatte. Die Mutter hatte mit dem jüngeren Geschwisterkind Siesta eingelegt, der Vater arbeitete im Gartenschuppen. Das Kind stieg unbemerkt in das am Hauseingang stehende Auto, die Türen waren offen, aber wegen der Kindersicherung konnte es sich nicht befreien. Die Eltern fanden es leblos. Die Behörden leiteten eine Untersuchung zu fahrlässiger Tötung ein. Zudem wurde ein Busfahrer in Paris während der Fahrt ohnmächtig und krachte mit seinem Bus gegen einen Baum.

Auswirkungen auf Stromversorgung und Verkehr

Die Hitzewelle trifft auch Frankreichs Stromversorgung. Der Energiekonzern EDF musste die Leistung mehrerer Atomkraftwerke drosseln, weil das Kühlwasser in den Flüssen zu warm wurde. Insgesamt vier Reaktoren sind betroffen, die Produktion wurde um etwa sieben Prozent der gesamten französischen Stromnachfrage gedrosselt. Die Spotmarktpreise stiegen in Frankreich und Deutschland auf den höchsten Stand seit Januar 2025. Die Bahn stellte in mehreren Regionen den Regionalverkehr tagsüber ein, um die Gleisanlagen zu schonen.

Baldige Abkühlung in Sicht

Frankreich hat die schlimmste Hitzephase vorerst überstanden. Am Freitag kommt es zu ersten Regenfällen, spätestens zu Wochenbeginn sinken die Temperaturen wieder unter 30 Grad. Der Humor geht den Franzosen nicht verloren: Der 53-jährige Christophe Perruchas erzählte „Le Monde“, dass er derzeit sechs Mal am Tag in den klimatisierten Supermarkt gehe. „Mich interessiert alles: der Preis pro Kilo, der Nutri-Score. Es ist erstaunlich, wie viel es auf der Verpackung zu lesen gibt. Mein Tiefkühlfach ist mittlerweile echt voll.“ Die 42-jährige Marie aus Lyon fährt mehrere Stunden am Tag mit der kühlen Straßenbahn durch die Stadt. „Es ermöglicht mir, Orte aufzusuchen, an die ich sonst nie komme. Meistens beobachte ich einfach nur die Menschen und die Landschaft und lasse meine Gedanken schweifen.“ Auf Instagram braten Nutzer Spiegeleier auf dem Balkon, ein Comedian kommentierte: „Wenn ich 20 Minuten in der Sonne bleibe, bin selbst ich gut durchgebraten.“