Nadine Maria Schmidt, 38, ist Liedermacherin und Seelsorgerin. Seit 2022 arbeitet sie im Hospiz und schreibt dort mit Sterbenden und deren Angehörigen Lieder. Im Interview mit dem SPIEGEL spricht sie über ihre Arbeit, die sie als „Seelsorge durch Songwriting“ bezeichnet.
Die Idee hinter dem Projekt
Schmidt kam die Idee während ihres Studiums der evangelischen Theologie. „Ich habe gemerkt, dass Musik oft Dinge ausdrücken kann, für die Worte nicht reichen“, sagt sie. Im Hospiz angekommen, bot sie ihre Hilfe an: „Ich frage die Patienten: 'Haben Sie ein Lied im Kopf? Oder möchten Sie eines schreiben?'“ Die Resonanz sei überwältigend gewesen.
Ein Lied als Vermächtnis
Die Lieder, die Schmidt mit den Sterbenden schreibt, haben oft eine tiefe Bedeutung. „Ein Patient wollte ein Lied für seine Enkelin schreiben, die noch nicht geboren war. Er hinterließ ihr eine Botschaft, die sie erst Jahre später hören würde“, erzählt Schmidt. Jedes Lied sei einzigartig, so wie die Menschen, die es schaffen. „Diese Arbeit hilft den Menschen oft, selbst noch einmal einen wertschätzenden Blick auf das eigene Leben zu werfen“, betont sie.
Die emotionale Herausforderung
Gefragt, ob die Arbeit nicht furchtbar traurig sei, antwortet Schmidt: „Traurigkeit ist ein Teil davon, aber nicht der einzige. Es gibt auch viel Freude und Dankbarkeit. Die Familien sind oft sehr bewegt, wenn sie das fertige Lied hören. Es schenkt ihnen Trost.“ Sie selbst habe gelernt, mit den Emotionen umzugehen: „Wenn mir die Worte fehlen, dann schreibe ich Musik. Das ist mein Weg, die Erlebnisse zu verarbeiten.“
Die Wirkung der Musik
Studien zeigen, dass Musiktherapie bei Sterbenden Ängste lindern und die Lebensqualität verbessern kann. Schmidt bestätigt dies: „Ich habe erlebt, wie ein Patient, der kaum noch sprechen konnte, plötzlich den Refrain mitsang. Musik erreicht Orte, die Worte nicht erreichen.“ Sie arbeitet eng mit dem Palliativteam zusammen, um die Lieder in die Betreuung zu integrieren. „Manchmal wird das Lied sogar bei der Trauerfeier gespielt“, ergänzt sie.
Einblicke in die Praxis
Schmidt beschreibt den typischen Ablauf: Sie setzt sich mit dem Patienten zusammen, spricht über Erinnerungen, Wünsche und Gefühle. „Dann suchen wir nach Melodien und Reimen. Oft entstehen die Texte aus Gesprächen heraus.“ Die Lieder werden aufgenommen und den Familien als Erinnerung gegeben. „Es ist ein Geschenk, das bleibt, wenn die Person nicht mehr da ist“, sagt sie.
Zukunft der Seelsorge durch Songwriting
Schmidt hofft, dass ihr Projekt Schule macht. „Ich würde mir wünschen, dass mehr Hospize solche Angebote haben. Musik ist eine universelle Sprache, die über den Tod hinaus wirkt.“ Sie gibt auch Workshops für andere Seelsorger, um die Methode zu verbreiten. „Jeder kann lernen, mit Sterbenden Lieder zu schreiben. Man muss nur zuhören können.“



