Eine unerwartete Begegnung am Feldrand
Es war eine unerwartete Begegnung. Ich war auf meinem Lieblingsradweg unterwegs, als ich auf einer Bank am Wegesrand drei Männer sitzen sah. Die Blicke in die Ferne gerichtet, Bierflaschen in den Händen, so saßen sie da. Zwischen ihnen versuchte ein kleiner Junge, den Kennerblick der Alten zu imitieren. Sie grinsten, als ich vorbeifuhr. Sie zogen minimal die Beine vom Weg und prosteten mir zu. Wahrscheinlich wussten sie genau, dass sie wirkten wie diese drei Typen aus der Flensburger-Werbung. Nur dass vor ihnen kein Meer lag. Die endlose Fläche, über die die Männer schauten, war vielmehr weizengelb. Endmoränen haben einst aus der Uckermark eine windige Wellenlandschaft geformt, die tatsächlich an ein Meer erinnert. Statt Gischt stoben hier große Staubwolken auf. Und aus einem Tal zwischen zwei Hügeln tauchte etwas auf, das von Weitem tatsächlich einem Schiff glich. Ein riesiger Mähdrescher. Gefolgt von zwei Traktorgespannen wie Lotsenboote.
Wenn Berliner aufs Land fahren: Kitsch und Erlebnis
Wenn Berliner aufs Land fahren, dann meist zu urigen Bauernmärkten, Blüte- und Erntefesten. Oder zu Anbietern, die das Landleben in einer Kitschversion als Event anbieten. Rund um Erdbeeren, Spargel oder meinetwegen auch Kürbisse, lässt man sich im geschützten Raum in eine Welt versetzen, die die städtischen Erwartungen ans Landleben mit dem Bedürfnis nach Abenteuer und Ausflug verbindet. Wenn Landbewohner das Landleben genießen, setzen sie sich eher an den Feldrand. Und schauen den Schwalben und Störchen zu. Kranichen und Gänsen, aktuell auch Hasen und Rehen auf Stoppelfeldern. Oder, wie in diesem Fall, den „Erntekapitänen“.
Erntekapitän: Wie ein DDR-Wort bis heute weiterlebt
Erntekapitäne, so wurden zu DDR-Zeiten die Mähdrescherfahrer genannt. Das Wort ist eine typische, propagandistische Überhöhung im „Arbeiter- und Bauernstaat“. Nicht nur bei uns im Dorf lebt es trotzdem noch fort. Halb spöttisch, halb ernst gemeint, taucht es jeden Sommer wieder auf. Lachen Sie mich aus, aber ich finde, es ist trotzdem ein wunderbares Wort. Es erzählt nicht nur vom Stolz der Maschinenführer, die ihre Riesen-Technik navigierten wie Kapitäne. Sondern auch von der Sehnsucht, die das Meer überall auf der Welt auslöst: aufzubrechen in neue, bessere Welten.
Der „Fortschritt“ von gestern: Oldtimer und Nostalgie
„Fortschritt“ war die Landmaschinenmarke der DDR. Die Giganten sollten die Landarbeit revolutionieren. Sie befuhren die riesigen Felder, die durch die Enteignung der Bauern entstanden. Der „Fortschritt“ war allgegenwärtig. Gerade die Mähdrescher galten als Exportschlager. Bis heute rosten einige Modelle auch bei uns noch im Dorf vor sich hin. Würdige Oldtimer. Ab und zu werden sie wieder angeworfen. Aus Nostalgie. Oder wenn die moderne Technik versagt. Ich gebe zu, das Rasseln und Brüllen ist ohrenbetäubend. Vom Gestank ganz zu schweigen. Angeblich haben die Dinger ähnliche Motoren wie Panzer. Trotzdem mag ich es, wenn der „Fortschritt“ von gestern durchs Dorf dröhnt.
Unser Dorf treibt wie eine winzige, bewohnte Insel in einer riesigen Landschaft
Heute schieben sich im Hochsommer vergleichsweise leise summend die John-Deeres von der „LPG“ über die schmalen Straßen. Aus den unteren Fenstern der Häuser sieht man dann für einen Moment nur auf gigantische Räder. Oben schieben sich Heuballen durchs Bild. Und die verglasten Kabinen der Fahrer. Sie sitzen heute an klimatisierten Arbeitsplätzen voller Monitore, Kameras und GPS-Technik. Der moderne Sound des Hochsommers ist das Keuchen der Erntefahrzeuge am Dorfrand, unterbrochen vom Piepen der Sicherheitstechnik. Nachts kriechen die Fahrzeuge bei Flutlicht durch Hügel und Täler. Wie Fischkutter auf dem Meer. Die „Kapitäne“ stehen weit oben. Des Überblicks wegen.
Die „LPG“ unseres Dorfs ist heute eine Bio-Rinderzucht und wird nur scherzhaft noch so genannt. Aus den Gebäuden des „VEB Pflanzenproduktion“ wurde eine liebenswerte Kunstgalerie. Das Schild hängt noch. Manchmal denke ich, unser Dorf treibt wie eine winzige, bewohnte Insel in einer riesigen Landschaft. Aus welligen Korn- und Maisfeldern und Sonnenblumen, die in diesen Tagen anfangen zu blühen. Und aus Bildern und Träumen. Meer und Land haben eben eins gemeinsam: Sie bewegen etwas in uns. Einfach so. Indem man sich hinsetzt, zuschaut und innehält. Ob nun mit Blick auf Erntekapitäne oder meinetwegen auch auf den Erdbeerhof.



