Der Streit um die Identität des in der Ostsee gestrandeten und gestorbenen Buckelwals eskaliert. Die Kleintierärztin Kirsten Tönnies, die der Rettungsinitiative angehörte, behauptet, DNA-Analysen eines chinesischen Labors würden zeigen, dass die Gewebeproben nicht von derselben Tierart stammten. Sie nannte den Namen des Labors nicht. Die Tierärztin Anne Herrschaft, ebenfalls Mitglied der Initiative, widerspricht entschieden: „Auch wenn es traurig ist, es ist leider unser Wal.“
Zweifel an der DNA-Analyse
Tönnies erklärte auf einer Pressekonferenz in Hamburg, dass zwei Proben untersucht wurden: eine von der Barge während der Rettung, die andere vom Kadaver vor Anholt. Die Abweichungen seien so groß gewesen, dass die DNA nicht vom selben Tier stammen könne. Andere Mitglieder der Initiative widersprachen sofort der Vermutung, der tote Wal sei möglicherweise nicht das als Timmy oder Hope bekannte Tier.
Herrschaft betonte, sie habe das Tier zweieinhalb Wochen täglich gesehen und erkannte es an charakteristischen Merkmalen wieder. Zudem war sie auf Anholt dabei, als Taucher den Tracker von der Rückenflosse abnahmen. Die Daten des Senders zeigten, dass der Wal nach dem Aussetzen wieder in die Ostsee schwamm. Kurz vor Anholt erlosch das Signal – ein Tracker sendet nur an der Wasseroberfläche; sinkt das Tier tot auf den Grund, gibt es keine Übertragung mehr.
Mögliche Fehler bei der Probenlagerung
Als mögliche Ursache für die abweichenden DNA-Ergebnisse nannte Tönnies die Lagerung der Proben. Eine Probe sei in Formalin eingelegt worden, einer wässrigen Formaldehydlösung. Solche Fixiermittel führen bei Raumtemperatur zum Abbau von DNA, wie eine Studie im Fachjournal „Pathology, Research and Practice“ zeigte. Geschädigte DNA kann DNA-Abgleiche stark verfälschen. Je länger das Material in Formalin liegt, desto stärker ist meist die Schädigung.
Hinzu kommt, dass die Proben laut Tönnies erst spät gekühlt wurden. Für einen DNA-Abgleich ist die Lagerung entscheidend: Gewebe sollte schnellstmöglich gekühlt, eingefroren oder konserviert werden. Wärme, Feuchtigkeit und Kontamination beschleunigen den Verlust an verwertbarer DNA.
Chronologie des Wal-Dramas
Der Buckelwal wurde am 3. März im Hafen von Wismar gesichtet. Am 23. März strandete er auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand, schwamm nach einem Einsatz von Baggern und Helfern weg und strandete mehrfach erneut. Ab dem 31. März lag das schwer geschwächte Tier vor der Insel Poel, bis die Initiative am 28. April mit ihm Richtung Nordsee startete. Etwa 70 Kilometer von Skagen entfernt wurde es am 2. Mai im Skagerrak ausgesetzt. Knapp zwei Wochen später, am 14. Mai, wurde das Buckelwal-Weibchen tot vor Anholt angespült.
Geldgeber distanzieren sich
Die Geldgeber der Initiative, Karin Walter-Mommert und Walter Gunz, hatten sich bereits im Vorfeld von der Pressekonferenz distanziert. Allein Tönnies saß dort, niemand anderes von der Initiative oder aus dem Labor, kein Experte etwa des Meeresmuseums und niemand aus dem Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns. Auch mit Tierärztin Herrschaft habe sie keinen Austausch mehr, sagte Tönnies.
In einer Reaktion auf die Pressekonferenz erklärte das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns, der bisherige Sachstand gelte unverändert: „Der am Buckelwal angebrachte Satellitentracker wurde bei dem vor Anholt gestrandeten Tier wiedergefunden. Größe und Art des Wals, der Tracker sowie die vom Tracker übermittelten Ortungsdaten und der dokumentierte Bewegungsverlauf ergeben aus unserer Sicht weiterhin ein schlüssiges Gesamtbild.“
Grundlage behördlicher Bewertungen seien ausschließlich nachvollziehbare, überprüfbare und wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse anerkannter Fachinstitutionen, betonte das Ministerium.



