Bei der diesjährigen Gedenkfeier der Bundesregierung zum Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 im Berliner Bendlerblock sorgte ein Vorfall für Aufsehen. Tobias Korenke, Großneffe des Theologen Dietrich Bonhoeffer und Enkel des Juristen Rüdiger Schleicher, entfernte einen Kranz der AfD-Bundestagsfraktion. Dabei kam es zu einer Rangelei mit Sicherheitskräften und anderen Besuchern. Der Kranz wurde beschädigt und später in den nahegelegenen Landwehrkanal geworfen.
Hintergrund des Konflikts
Die AfD steht immer wieder in der Kritik, weil sie historische Vergleiche mit der NS-Zeit relativiert oder instrumentalisiert. Besonders umstritten war eine Äußerung von Parteichefin Alice Weidel im Januar 2025, als sie Adolf Hitler und den Nationalsozialismus als „eigentlich Linke und Kommunisten“ bezeichnete. Diese Aussage widerspricht jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis und verzerrt die historische Wahrheit. Vor dem Hintergrund solcher Vorfälle betrachten viele Nachfahren der Widerstandskämpfer die Teilnahme der AfD an Gedenkveranstaltungen als unangemessen.
Korenkes spontane Aktion
Korenke, der von 2013 bis 2025 die Unternehmenskommunikation der FUNKE Mediengruppe leitete, schilderte seine Beweggründe im Gespräch mit dieser Zeitung. Er sei pünktlich zur Feierstunde gekommen und habe den Kranz der AfD gesehen. „Ich dachte, der ist falsch hier. Er ist einfach falsch“, so Korenke. Er betonte, dass die AfD keine normale Partei sei, sondern eine antidemokratische Partei, die die demokratischen Freiheiten nutze, um diese abzuschaffen. „Diese Partei kann hier nicht die Widerstandskämpfer instrumentalisieren und für ihre Zwecke nutzen.“
Persönliche Betroffenheit
Korenkes Familie wurde durch die Ermordung von Widerstandskämpfern tief geprägt. Neben seinem Großvater Rüdiger Schleicher und Dietrich Bonhoeffer wurde auch Hans von Dohnanyi, der Ehemann einer Schwester seiner Großmutter, in den letzten Kriegstagen hingerichtet. „Der Tod der Widerstandskämpfer prägt natürlich eine Familie“, sagte Korenke. Er fühle sich verpflichtet, das Andenken der Opfer zu schützen, insbesondere in einer Zeit, in der die politische Situation das Gedenken gefährde. „Ich möchte nicht, dass ihr Einsatz für eine freiheitliche Grundordnung, für Rechtsstaat, für Menschenwürde umsonst war.“
Rangelei und Entschuldigung
Bei dem Handgemenge wurde Korenke von einem Sicherheitsbeamten an die Wand gedrückt. Andere Angehörige und Nachkommen kamen ihm zu Hilfe. Der Protokollchef schaltete sich ein, den Korenke im Eifer des Gefechts beschimpfte. Später entschuldigte er sich, und der Protokollchef nahm die Entschuldigung „netterweise“ an. Korenke räumte ein, dass sein Vorgehen rechtlich nicht in Ordnung war, verteidigte es aber als moralisch richtig: „Ich glaube trotzdem, dass es eine richtige Tat war.“
Reaktion der AfD
Die AfD reagierte empört. Götz Frömming, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Geschichte in der Bundestagsfraktion, bezeichnete die Aktion als „unwürdige Störung des Gedenkens“ und lud Korenke zu einem Gespräch über Programm und Ziele der AfD ein. Korenke lehnte dies ab und betonte: „Ich glaube, es ist einfach anständig, der AfD überall, wo man sie trifft, zu widersprechen.“ Er appellierte an die Gesellschaft, die demokratischen Werte zu feiern und gemeinsam Probleme zu lösen.



