Tarifbindung in Deutschland: Nur 49 Prozent, EU fordert Aktionsplan
Tarifbindung: Deutschland hinkt EU-Vorgaben hinterher

Die Tarifbindung in Deutschland bleibt auf einem niedrigen Niveau: Nur knapp die Hälfte der Beschäftigten (49 Prozent) arbeitet in Unternehmen, die an Tarifverträge gebunden sind. Damit liegt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld und weit hinter Spitzenreitern wie Italien und Belgien, die eine Quote von 100 Prozent erreichen. Besonders kritisch ist, dass die Bundesregierung trotz einer EU-Verpflichtung noch immer keinen nationalen Aktionsplan zur Förderung von Tarifverhandlungen vorgelegt hat. Dies moniert das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einer aktuellen Studie.

EU-Mindestlohn-Richtlinie: Frist bereits abgelaufen

Die Europäische Union betrachtet Tarifverträge als ein zentrales Instrument für faire Arbeitsbedingungen. Sie legen Mindeststandards für Löhne, Arbeitszeiten, Urlaub und Sonderzahlungen fest, die zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelt werden. Die EU-Mindestlohn-Richtlinie verpflichtet Mitgliedstaaten mit einer Tarifbindung von unter 80 Prozent, einen konkreten Aktionsplan bei der EU-Kommission einzureichen. Deutschland gehört zu den betroffenen Ländern, doch die Frist Ende 2025 ist verstrichen, ohne dass ein Plan vorgelegt wurde. Laut der Studie sind neben Deutschland auch Kroatien, Luxemburg, Slowenien, Ungarn und Zypern säumig.

Koalitionsvertrag: Bekenntnis ohne Taten

Die Autoren der Studie kritisieren, dass die Bundesregierung trotz des Bekenntnisses im Koalitionsvertrag von Union und SPD zu einer höheren Tarifbindung bisher keinen Aktionsplan vorgelegt hat. Zwar wurden Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände aufgefordert, Vorschläge einzubringen, doch nach einem Spitzentreffen im November 2025 blieb eine Einigung aus. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erklärte lediglich, dass der Nationale Aktionsplan zur Förderung von Tarifverhandlungen (NAP) weiterhin innerhalb der Bundesregierung abgestimmt werde.

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Vorbild Griechenland: Trotz niedriger Quote vorbildlicher Plan

Als positives Beispiel nennt die Studie Griechenland. Obwohl das Land mit einer Tarifbindung von nur 28 Prozent noch schlechter abschneidet als Deutschland, erfüllt der dortige Aktionsplan die Vorgaben der EU-Richtlinie fast vollständig. Das WSI bemängelt hingegen, dass viele der bisher vorgelegten nationalen Aktionspläne anderer Länder überwiegend auf unverbindliche Informations- und Werbemaßnahmen setzen und kaum mehr als Absichtserklärungen enthalten. Von den 18 EU-Staaten, die bis Ende 2025 konkrete Pläne vorlegen mussten, haben erst zwölf diese Frist bis Mai eingehalten.

Handlungsbedarf: Anreize für Arbeitgeber und branchenweite Verhandlungen

Nach Ansicht des WSI sollte ein wirksamer Aktionsplan den Ausbau branchenweiter Tarifverhandlungen fördern und Anreize für Arbeitgeber schaffen, sich Tarifverträgen anzuschließen. Gewerkschaften und Arbeitgeber müssten dabei eng eingebunden werden, und die Vorhaben sollten mit konkreten Maßnahmen und einem klaren Zeitplan hinterlegt sein. Ohne entschlossenes Handeln droht die Tarifbindung in Deutschland weiter zu sinken, was langfristig die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte verschlechtern könnte.

Die Studie des WSI macht deutlich, dass Deutschland dringend einen ambitionierten nationalen Aktionsplan benötigt, um die Tarifbindung zu stärken und den EU-Vorgaben gerecht zu werden. Die Zeit drängt, denn die EU-Kommission könnte bei anhaltender Untätigkeit Vertragsverletzungsverfahren einleiten.

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