Seit Jahren hatte sie ihre Wut unterdrückt – bis sie aus ihr herausbrach. Wut über die frühe Trennung ihrer Eltern. Wut darüber, dass sie sich bis vors Gericht um sie stritten. Und Wut über das Wechselmodell, durch das sie drei Wohnorte hatte und nirgends zur Ruhe kommen konnte. Die Tochter, heute erwachsen, erzählt von einer Kindheit voller Konflikte und einer Beziehung zu ihrem Vater, die lange Zeit von Distanz und Schmerz geprägt war.
Der Wendepunkt: Ein offenes Gespräch
Der Vater räumt ein: „Ich habe damals nicht verstanden, wie sehr meine Tochter unter der Situation gelitten hat.“ Erst Jahre später, als beide bereit waren, sich ihren Emotionen zu stellen, kam es zu einem offenen Gespräch. „Ich hätte nie gedacht, dass wir uns so nah sein könnten“, sagt die Tochter heute. Der Experte, ein Familientherapeut, betont: „Es ist nie zu spät, eine Verbindung aufzubauen, aber beide Seiten müssen bereit sein, alte Verletzungen anzusprechen.“
Die Rolle der Eltern-Kind-Bindung im Erwachsenenalter
Laut einer Studie der Universität Jena aus dem Jahr 2023 gaben 68 Prozent der befragten Erwachsenen an, dass eine schwierige Kindheit ihre Beziehung zu den Eltern bis heute beeinträchtigt. Der Experte erklärt: „Oft sind es nicht die großen Ereignisse, sondern die alltäglichen Verletzungen, die sich ansammeln.“ Er empfiehlt, zunächst kleine Schritte zu machen: gemeinsame Aktivitäten, regelmäßige Telefonate oder das Schreiben von Briefen. „Wichtig ist, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist, ohne Erwartungen an eine sofortige Veränderung.“
Wann man die Beziehung besser ruhen lassen sollte
Doch nicht jede Beziehung ist reparabel. Der Experte warnt: „Wenn ein Elternteil weiterhin toxisches Verhalten zeigt, etwa durch emotionale Erpressung oder Missbrauch, kann Distanz die gesündere Wahl sein.“ In solchen Fällen sei es besser, die Beziehung ruhen zu lassen, um sich selbst zu schützen. Die Tochter aus dem Beispiel sagt: „Ich habe gelernt, dass Nähe nicht bedeutet, alles vergeben zu müssen. Es geht darum, einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen.“
Praktische Tipps für den Neuanfang
Der Experte gibt konkrete Ratschläge: Erstens: Alte Wunden anerkennen, ohne sie ständig neu aufzureißen. Zweitens: Gemeinsame neue Erinnerungen schaffen, etwa durch einen Ausflug oder ein Hobby. Drittens: Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, wenn die Emotionen zu überwältigend sind. „Eine Paartherapie kann auch für Eltern und erwachsene Kinder sinnvoll sein“, so der Therapeut.
Der Vater resümiert: „Ich bin dankbar, dass wir den Mut hatten, uns unseren Fehlern zu stellen. Heute haben wir eine Beziehung, die ich nie für möglich gehalten hätte.“ Die Tochter ergänzt: „Es ist ein Prozess, aber jeder Schritt lohnt sich.“



