Jens Spahn wünscht der Nationalelf in einem Video viel Glück, Julia Klöckner sagt die Ergebnisse voraus und Tim Klüssendorf sowie Carsten Linnemann stellen sich in Deutschland-Trikots einer Elf-Meter-Challenge. Den Social-Media-Kanälen nach zu urteilen sind die Regierungsparteien in WM-Stimmung. Auch der FC Bundestag, die Fußballmannschaft der Abgeordneten, hat zum letzten Gruppenspiel der Deutschen gegen Ecuador ein Public-Viewing-Event organisiert. Wir haben die Politiker gefragt, wie sie das Turnier verfolgen.
Ralf Stegner: Eingefleischter Fan mit schlechtem Tipp
Fast zwei Stunden vor Anpfiff geht es am Donnerstag los, in einem Hotel hinter dem Hauptbahnhof. Ralf Stegner ist einer der ersten Gäste. Der SPD-Politiker ist nicht nur Experte für Außenpolitik, sondern auch eingefleischter Fußballfan. Er war selbst Torwart in einer Fußballmannschaft, sein Lieblingsspieler ist deshalb wenig verwunderlich Manuel Neuer. Er rechnet insbesondere Argentinien gute Chancen auf den WM-Sieg aus. „Aber ich traue uns Deutschen zu, dass wir für eine Überraschung sorgen“, sagt der HSV-Fan. Ob auf seinen Tipp so viel zu geben ist? „Ich beteilige mich gerne an Tippspielen, bin aber ein sehr schlechter Tipper“, relativiert Stegner seine Expertise. Früher hat er sich in der Gastwirtschaft seines Vaters die Fußball-Nächte um die Ohren geschlagen, heute fachsimpelt er mit den Kollegen im Parlament. Die WM sei ein Thema, das die Fraktionen verbinde, meint Stegner.
Aydan Özoğuz tippt auf Frankreich – Undav im Trend
Auf der kleinen Dachterrasse wird es langsam so voll, dass man wortwörtlich auf die ankommenden Gäste stößt. Unter ihnen ist Aydan Özoğuz, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Sport und Ehrenamt. Auch wenn ihr Herz für Deutschland schlägt, vermutet sie, dass Frankreich das Turnier gewinnt. „Ich bin ein totaler Mbappé-Fan“, so die SPD-Politikerin. In der deutschen Mannschaft findet sie Deniz Undav sehr sympathisch. Der Stuttgarter, der bisher die meisten Tore dieses Turniers für die deutsche Mannschaft erzielt hat, steht fraktionsübergreifend hoch im Kurs. Auch Florian Bilic, CDU-Abgeordneter, sympathisiert mit Undav. Sein Geheimfavorit ist Kroatien. Im Bundestag ist er zuständig für Kreislaufwirtschaft, auf dem Platz ist er Mittelfeldspieler. Mit dem FC Bundestag ist er im Mai in Lübeck Europameister der Parlamentsmannschaften geworden. „Wir haben mit dem FC Bundestag vorgelegt, dann kann die Nationalmannschaft jetzt nachziehen“, sagt Bilic.
Dorothee Bär: Hymne im Stehen und Freundschaftsarmband
Bei Bier und Pizza-Häppchen wird derweil weiter Smalltalk betrieben. Auch Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) ist mit ihrer Familie gekommen. „Meine Kinder und ich haben alle das gleiche Freundschaftsarmband in Deutschlandfarben“, sagt sie. „Wenn wir daheim das Spiel gucken, stehen wir natürlich auf, um die Hymne zu singen. Volles Programm, im Fandress.“ Auch zum Public Viewing ist die Ministerin im Trikot mit der Nummer 13 gekommen – sicherlich eine Hommage an ihren ehemaligen Lieblingsspieler Thomas Müller. Bei dieser WM hatte sie sich vor allem auf einen gefreut, der verletzungsbedingt nicht antreten konnte. „Ich habe schon sehr gelitten. Lennart Karl wäre mein Favorit gewesen“, verrät Bär. Dennoch ist sie zuversichtlich, dass Deutschland Weltmeister wird. „Ich habe noch nie gegen meine Mannschaft getippt. Weder gegen den FC Bayern noch gegen die deutsche Nationalmannschaft.“ Und gegen wen wird Deutschland das Endspiel bestreiten? „Es ist egal, gegen wen wir im Finale gewinnen.“
Andreas Scheuer skeptisch – Özoğuz kämpft mit Müdigkeit
Ihr Parteikollege Andreas Scheuer hingegen ist weniger optimistisch. „Ein WM-Sieg für Deutschland wäre zu hoch gegriffen, aber dem Land würde es guttun“, meint der ehemalige Verkehrsminister, der Anfang 2024 sein Bundestagsmandat abgegeben hat. Bär wäre für die WM eigentlich gerne in die USA geflogen. Doch die politische Sommerpause beginnt erst Mitte Juli. Das hält die Ministerin nicht davon ab, jedes Spiel der Nationalelf zu schauen. „Wenn es notwendig wäre, würde ich auch nachts aufstehen, um die Deutschland-Spiele zu gucken.“ Özoğuz hingegen hält nicht so viel von Fußball zur Schlafenszeit. „Ich komme immer müde zu meinen Sitzungen, dafür brauche ich gar kein nächtliches WM-Spiel“, sagt sie. Aber einmal hat sie sich dann doch für ein Türkei-Spiel einen Wecker um fünf Uhr gestellt. Am liebsten schaut sie Fußball mit Freunden. Sie baut dann eine Leinwand aus einem Tischtuch auf, es wird gegrillt und jeder bringt etwas zu essen mit.
Public Viewing mit kleinen Fernsehern – Bilic fordert Rücksicht
Schade, dass Özoğuz ihr Tischtuch an diesem Abend nicht dabeihat. Die Übertragung des Spiels scheint beim Public Viewing nämlich nicht oberste Priorität zu haben. Man kann den Mannschaften nur auf mehreren kleinen Fernsehern neben und über der Bar zusehen. Zu Beginn gibt es keinen Ton, weshalb es auch nicht alle mitbekommen, dass in der zweiten Minute ein Tor fällt. Die meisten Politiker wollen also die WM verfolgen, doch viele Plenardebatten gehen oft so lange, dass sie die Spiele verpassen. „Wir sollten schauen, dass die Sitzungen zumindest die Deutschlandspiele nicht tangieren. Wenn ich Bundestagspräsident wäre, würde ich das anweisen“, schlägt Florian Bilic mit einem Gruß an Julia Klöckner vor. Klöckner ist zwar auch Fußball-Fan, beim Public Viewing am Donnerstagabend fehlt sie jedoch und in ihrem „Präsidentin-Orakel“ liegt sie meist daneben. Nach ausführlichen Prognosen über die Spielzüge der Mannschaft legte sie sich auf ein 1:0 für Deutschland gegen Ecuador fest. Das Ergebnis fiel bekanntlich anders aus. Die meisten Politiker sind, als das zweite Tor für Ecuador fällt, schon gar nicht mehr da. Aber es ist ja auch Sitzungswoche im Bundestag und noch einiges zu beschließen.



