Zehn Jahre nach dem rassistischen Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München kämpfen die Eltern des getöteten 14-jährigen Can Leyla, Sibel und Hasan Leyla, weiterhin gegen die Verharmlosung der Tat. Sie fordern ein fröhlicheres Denkmal und mehr Anerkennung der Opfer.
Der Tag des Anschlags
Am 22. Juli 2016, einem schönen Sommertag, war Hasan Leyla bei der Arbeit, als seine Frau ihn anrief. Ihr Sohn Can war mit Freunden im OEZ, als Schüsse fielen. Leyla ließ alles stehen und lief los, um sein Kind zu finden. Es begann ein Albtraum, der bis heute anhält. Die Familie war stundenlang im Ungewissen, bis sie um 3:30 Uhr morgens von einem Polizisten die Nachricht erhielt: „Tut mir leid, Ihr Sohn ist tot.“ Der Vater unterschrieb benommen einen Zettel, der Polizist fuhr davon. „Die wussten schon von Anfang an, dass er unter den Toten ist“, sagt Sibel Leyla verbittert. „Und sie haben uns bis in der Früh leiden lassen, ohne Informationen.“
Kampf gegen die Einstufung als Amoklauf
Eine zweite Verletzung war die Einstufung der Tat als Amoklauf durch die Behörden. Die Staatsanwaltschaft berichtete im März 2017 von psychischen Problemen des 18-jährigen Täters, der sich selbst tötete. Obwohl der Schüler extremen Fremdenhass und nationalsozialistische Symbole gezeigt hatte, wurde die Tat nicht als politisch motiviert eingestuft. Für Familie Leyla war das unverständlich: Alle neun Todesopfer hatten migrantische Namen. „Das kann kein Zufall sein“, sagt Hasan Leyla. Der Täter werde als „der arme Kerl“ dargestellt, „und unsere Kinder als Täter“. Erst im Oktober 2019 wurde die Tat offiziell als rechtsradikal motiviert eingestuft.
Leben mit der Angst
Die Leylas fühlen sich bis heute nicht sicher. „Wir hören jeden Tag die Hetze von der AfD, von Politikern, über Migranten, über Muslime, dass wir nicht zu diesem Stadtbild gehören“, sagt Sibel Leyla. Sie lebe mit der ständigen Angst, dass ihrer Familie etwas zustoßen könne. Ihr Appell: „Wir müssen einfach eine Haltung gegen Rassismus zeigen!“ Hasan Leyla betont, dass sein Vater 1966 aus der Türkei kam und die Bundesrepublik mitaufbaute. „Wir sind keine Migranten. Nennt mich lieber Mitaufbauer.“
Das Denkmal als nächster Kampf
Das 2017 errichtete Denkmal am Tatort – ein großer Metallring mit Fotos und Namen der Opfer – empfindet die Familie als unpassend. Es sei zu schnell errichtet worden, und die Inschrift wurde erst 2020 von „Amoklauf“ zu „rassistisches Attentat“ korrigiert. Sibel Leyla wünscht sich eine Tafel mit Informationen und mehr Sichtbarkeit. Das Denkmal müsse fröhlicher und offener sein, passend zum Alter der Opfer. „Das wird mein nächster Kampf sein.“
Ein Versprechen an den Sohn
Der Vater gab seinem toten Sohn ein Versprechen: „Solange ich lebe, werde ich für dich kämpfen. Wenn das sogar mein Leben kostet.“ Die Lücke, die Can hinterlassen hat, ist nach zehn Jahren noch immer schmerzhaft. „Für euch sind es zehn Jahre. Für uns ist es wie gestern“, sagen die Eltern.



