CAR-T-Zelltherapien basieren auf Immunzellen des Patienten und können Leben retten. Ohne gentechnische Eingriffe ins Erbgut gäbe es sie aber nicht. Die wichtigsten Infos über die neuartige Immuntherapie.
Wie funktioniert die Heilung mit CAR-T-Zellen?
So wie der Speisewagen eines Zuges an die Lok gekoppelt wird, braucht es auch zwischen Zellen eine Kupplung, um sie miteinander zu verbinden. Damit eine T-Zelle an eine Krebszelle andocken und sie zum Absterben bringen kann, benötigt es sowohl auf der Seite der Krebszelle eine Kupplung, das Antigen, als auch auf der Seite der T-Zelle das dazu passende Gegenstück – im Laborjargon der Immunologen „Chimärer Antigen Rezeptor“, kurz CAR.
Geht das auch ohne Gentechnik?
Nein. Erstens beruht das Verständnis des Zusammenspiels von Immunzellen, Antikörpern und den Antigenstrukturen auf Wissen, das mithilfe molekularbiologischer und damit gentechnischer Methoden gewonnen wurde. Außerdem benötigt man gentechnische Methoden, um den Chimären-Antigen-Rezeptor (CAR), also die „Brille“, zu konstruieren. Und man braucht Gentechnik, um das CAR in zuvor unschädlich gemachte Viruspartikel zu verpacken und es in Immunzellen einzuschleusen.
Bei welchen Krebsarten wirken CAR-T-Zelltherapien?
Bislang haben ausschließlich CAR-T-Zelltherapien gegen verschiedene Blutkrebsarten in Studien ausreichende Wirksamkeit gezeigt und sind von der europäischen Zulassungsbehörde EMA oder dem US-Pendant FDA zugelassen worden. Dazu gehören (Stand Juni 2026): Akute B-Zell-lymphoblastische Leukämie (ALL), Diffuse großzellige B-Zell-Lymphome und andere Large B-cell Lymphomas, Follikuläres Lymphom (FL), Mantelzelllymphom (MCL), Chronische lymphatische Leukämie / Small Lymphocytic Lymphoma (CLL/SLL) und Multiples Myelom.
Bei welchen Krebsarten werden CAR-T-Zelltherapien versuchsweise eingesetzt?
Erwartet wird von Experten, so eine Analyse der European Hematology Association, alsbald eine Zulassung einer CAR-T-Zelltherapie gegen eine bislang noch nicht zelltherapeutisch behandelbare Blutkrebsform, die akute myeloische Leukämie (AML). Derzeit laufen mehrere klinische Wirksamkeitsstudien, eine Zulassung noch in diesem Jahr (2026) ist jedoch unwahrscheinlich. Für solide Tumoren (etwa Glioblastome, Sarkome, Pankreas- oder Lungenkarzinom) gibt es zwar immer wieder Berichte über einzelne erfolgreiche Behandlungen, doch in größeren randomisierten Studien haben sich CAR-T-Zelltherapien noch nicht durchgesetzt.
Was sind die Risiken von CAR-T-Zelltherapien?
Wenn das Immunsystem Krebs bekämpft, achtet es penibel darauf, die richtige Anzahl von T- und anderen Immunzellen loszuschicken, um eine Überreaktion zu verhindern. Eine überschießende Abwehrreaktion, Zytokinsturm genannt, kann im Extremfall dazu führen, dass auch normale Zellen, Gewebe und Organe attackiert werden und versagen. Mittlerweile haben Ärzte aber Mittel zur Hand, um gegenzusteuern und diese potenziell lebensgefährliche Nebenwirkung zu verhindern.
Ein weiteres Risiko der CAR-T-Zellen war lange Zeit eher eine theoretische Befürchtung: Was, wenn die CAR-Gene beim Einschleusen ins T-Zell-Erbgut ein wichtiges Gen zerstören oder so beeinflussen, dass die CAR-T-Zellen selbst zu sich ungehemmt teilenden Krebszellen werden? Tatsächlich meldete die US-Arzneimittelbehörde im Jahr 2023 22 Fälle von Patienten, die im Laufe oder nach ihrer CAR-T-Zellbehandlung an einem Blutkrebs erkrankten, der von Immunzellen ausging. Um dieser Befürchtung nachzugehen, sammelte ein Forschungsteam Daten aus 38 klinischen Studien zwischen 2001 und 2023, in denen insgesamt 783 Patienten mit verschiedenen CAR-T-Zelltherapien behandelt worden waren. Obwohl die Patienten im Schnitt anderthalb und bis zu 16 Jahre nach ihrer Behandlung beobachtet wurden, zählte das Forschungsteam nur einen einzigen Fall eines T-Zell-Blutkrebses. Und im Erbgut dieser Blutkrebszellen fanden sie keine CAR-Gene. Offenbar waren nicht die CAR-T-Zellen, sondern die natürlichen, unveränderten T-Zellen des Patienten Ursprung seiner Krebserkrankung gewesen.
Der Grund für die erneute zusätzliche Krebserkrankung einiger Patienten nach oder während einer CAR-T-Zelltherapie sei offenbar nicht die Genveränderung der CAR-T-Zellen, sondern etwas anderes, sagt Carl June, einer der Pioniere der CAR-T-Zelltherapie: „Diese Menschen haben oft vier bis fünf Runden von Chemotherapien durchlaufen, die giftig und DNA-schädigend für Zellen sind.“ Wenn diese Patienten dann durch eine Zelltherapie gerettet wurden, leben sie zwar weiter, aber die Schäden, die die Chemotherapie, Bestrahlungen oder andere Verfahren hinterlassen haben, bleiben. Das bringt ein erhöhtes Risiko mit sich, erneut an Krebs zu erkranken.
Was sind die Kosten einer CAR-T-Zelltherapie?
In Europa liegen die Listenpreise für eine einmalige Infusion mit CAR-T-Zelltherapien wie Kymriah oder Yescarta bei etwa 300.000 bis 350.000 Euro pro Patient. Allerdings sind das nur die Kosten für die patientenspezifische Aufbereitung der Immunzellen. Zu weiteren 50.000 Euro summieren sich die Kosten für die fachgerechte Entnahme der Immunzellen im Krankenhaus (Apherese), die damit verbundenen Klinikaufenthalte und Vor- und Nachbehandlungen, so eine Analyse der Europäischen Hämatologie Vereinigung (EHA) von 2021. Der gleichen Studie zufolge geben die Krankenkassen in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien und den Niederlanden jährlich zwischen etwa drei Milliarden Euro für Behandlungen mit CAR-T-Zellen aus.
Damit gehören CAR-T-Zelltherapien zu den teuersten Behandlungen überhaupt, obwohl es sich noch um eine recht junge Therapieform handelt, die bislang fast ausschließlich jenen Patienten angeboten wird, bei denen die Standardtherapien (etwa Chemotherapie) versagt haben. Sollten sich CAR-T-Zelltherapien auch bei der Behandlung weiterer deutlich häufigerer Krebsformen bewähren, wird die Kostenfrage für die Gesundheitssysteme allmählich zu einem Problem werden. Entweder sinken dann die Preise pro Behandlung, oder die Versicherungsbeiträge müssen angepasst werden.



