Charité-Onkologe Bullinger: Zwölf Jahre Lebensverlängerung bei Blutkrebs
Charité-Onkologe: Zwölf Jahre mehr Leben bei Blutkrebs

Die Lebenserwartung von Patienten mit multiplem Myelom, einer Form von Blutkrebs, hat sich in den letzten 25 Jahren drastisch verbessert: von etwa zwei Jahren auf heute zwölf Jahre. Das berichtet Professor Lars Bullinger, Direktor der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie an der Berliner Charité. Ein 65-Jähriger mit dieser Erkrankung habe fast die gleiche Lebenserwartung wie ein Gleichaltriger ohne Krebs.

Vom Schicksal der Schulfreundin zum Forscherarzt

Bullingers Motivation, Arzt zu werden, wurzelt in einer persönlichen Erfahrung: Als Zehnjähriger erlebte er, wie seine beste Schulfreundin an Krebs erkrankte und Bestrahlungen sowie Chemotherapie über sich ergehen lassen musste. „Zum ersten Mal habe ich da verstanden, dass das Leben von jetzt auf nachher vorbei sein kann“, erinnert sich Bullinger. Seine Freundin überlebte und ist heute Mutter von zwei Kindern. Dieses Erlebnis prägte seinen Berufswunsch: Er wollte an der „Front des medizinischen Fortschritts“ arbeiten, wo todkranke Menschen neuartige Medikamente erhalten.

Die Brücke zwischen Labor und Klinik

Bullinger verbindet als klinischer Forscher beides: Patientenversorgung und die Entwicklung neuer Therapien. „Ich habe Spaß daran, Patienten zu helfen und neue Medikamente mitzuentwickeln“, sagt er. Die Kluft zwischen akademischer Forschung und klinischer Praxis sei eine der größten Herausforderungen. Um heute ein guter Onkologe zu sein, müsse man die Biologie der Krebserkrankungen verstehen – etwa, was in Tumorzellen fehlreguliert ist und wie sie dem Immunsystem entgehen. „Wenn ich das verstanden habe, kann ich das vielleicht auch reparieren und eine neue, wirksame Therapie entwickeln.“

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Dieser Ansatz sei erfolgreicher als allgemein bekannt: „Etwa 70 Prozent der Krebspatienten können wir heilen“, betont Bullinger. „Von denen, die wir nicht heilen können, können wir die akute Erkrankung in vielen Fällen in eine chronische überführen, sodass man jahrelang gut damit leben kann.“ So sei die Lebenserwartung von Krebspatienten inzwischen oft besser als die vieler Herzkranker.

Drei Jahre Bürokratie für ein Labor

Doch die Verzahnung von Forschung und Klinik hat ihren Preis. Bullinger und sein Team leisten täglich einen Spagat zwischen Patientenversorgung und Forschung. Der Klinikalltag lässt oft kaum Freiraum für neue Entwicklungen. Als Klinikdirektor überwiegt das Organisatorische. Besonders ärgert sich Bullinger über bürokratische Hürden: Für die Zulassung eines Reinraumlabors für neuartige Zelltherapien (ATMP) durch das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) benötigte sein Team drei Jahre – vor allem wegen Personalmangels in der Behörde. „In diesen Jahren hätten sterbenskranke Patienten die neuen Therapien im Rahmen von Studien erhalten können“, sagt Bullinger. Er sei vom Krebsexperten zum Spezialisten für Berliner Beamtenbummel mutiert.

DNA-Chips revolutionieren die Krebsforschung

Bullingers Karriere führte ihn unter anderem an das MD Anderson Cancer Center in Houston und an die Duke University in North Carolina. Dort lernte er Technologien wie DNA-Chips kennen, mit denen erstmals genetische Veränderungen von Tumorzellen sichtbar gemacht werden konnten. „Das hat das Verständnis von Tumorerkrankungen revolutioniert und viel zielgerichtetere Behandlungen ermöglicht“, schwärmt Bullinger. Heute könne jede Klinik das komplette Erbgut eines Tumorpatienten binnen weniger Tage für ein paar hundert Euro entschlüsseln – vor 25 Jahren kostete die Sequenzierung des ersten menschlichen Genoms noch drei Milliarden US-Dollar und erforderte 13 Jahre Arbeit tausender Forscher.

Die nächste Generation ausbilden

Nach Stationen in Stanford und Harvard wurde Bullinger 2017 an die Charité berufen. Trotz des hohen Erwartungsdrucks und der begrenzten Mittel in Berlin bleibt er ein ruhiger, ausgeglichener Typ. Ein großes Anliegen ist ihm die Ausbildung der nächsten Generation. Vielleicht nehmen sich bereits manche Medizinstudierende ein Beispiel an ihm und machen sich auf den langen Weg von Ausbildung, Forschung und Klinik, um Krebs endgültig zu beherrschen.

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