Patienten haben bessere Überlebenschancen, wenn sie von einer Chirurgin operiert werden. Das zeigen mehrere Studien mit Millionen von Patientendaten. Dennoch sind Frauen in der deutschen Chirurgie deutlich unterrepräsentiert. Woran liegt das?
Studien belegen bessere Ergebnisse von Chirurginnen
In der Fachzeitschrift „Jama Surgery“ veröffentlichten Ärzte Untersuchungen über die Erfolge von Chirurginnen und Chirurgen. Der kanadische Uro-Onkologe Christopher Wallis und seine Kollegen analysierten die Daten von über einer Million Patienten aus Ontario, die sich von Januar 2007 bis Dezember 2019 einer Operation unterzogen hatten. Zwölf Monate nach dem Eingriff waren Patienten, die von einem Mann operiert worden waren, um rund ein Viertel häufiger gestorben als jene, die eine Chirurgin behandelt hatte (2,4 gegenüber 1,6 Prozent).
Allerdings nehmen Männer auch häufiger komplexe Eingriffe vor als Frauen, da sie meistens in höheren Positionen tätig sind. Bei schwierigeren Fällen kommt es häufiger zu Problemen, vielleicht erklärt auch die bessere Bilanz der Frauen.
Eine andere Arbeit, die im Fachjournal „Annals of Surgery“ erschienen ist, fasst 15 Beobachtungsstudien zusammen. Analysiert wurden die Daten von 5,4 Millionen Menschen aus Nordamerika, Asien und Europa – mit einem auffälligen Befund: Die Sterberaten waren um sieben Prozent niedriger, wenn eine Frau am OP-Tisch stand.
Der Unterschied war bei geplanten Operationen größer als bei Notfalleingriffen, was darauf hindeutet, dass Frauen sich besser vorbereiten. „Es gibt Hinweise darauf, dass Chirurginnen eher patientenorientierte Entscheidungen treffen, eher zur Zusammenarbeit bereit sind und die Patienten für die Operation sorgfältiger auswählen“, schreibt der Schwede Martin Almquist in einem weiteren Beitrag für die „Jama Surgery“.
Chirurgie in Deutschland bleibt Männerdomäne
Trotz der Erfolge der Frauen ist die Chirurgie in Deutschland noch immer überwiegend in Männerhand: Auf eine Frau am OP-Tisch kommen nach Angaben der Bundesärztekammer im Schnitt mehr als drei Männer. Bei den Viszeralchirurgen und Unfallchirurgen gibt es etwas mehr Frauen, bei Herzchirurgen oder anderen Fachrichtungen sind es etwas weniger. Noch ausgeprägter ist der Unterschied in den leitenden Funktionen: Auf der Assistenzarztebene gibt es etwa 35 Prozent Frauen, in der Neurochirurgie schaffen es zehn Prozent in leitende Positionen, in anderen Bereichen liegt die Frauenquote nur bei etwa fünf bis sechs Prozent.
Warum gerade der Aufstieg so schwierig für Chirurginnen ist, hat viele Gründe, auch althergebrachte Rollenbilder spielen eine Rolle. „Obwohl wir Frauen Kinder bekommen und unfassbare Schmerzen kennen, denken viele, einen Körper aufzuschneiden sei eher etwas für Männer“, sagt Katja Schlosser, die seit 2025 das Zentrum für die Allgemein-, Viszeral- und endokrine Chirurgie am Friederikenstift in Hannover leitet und außerdem den Verein „Die Chirurginnen“ mitgegründet hat. Die Chirurgie komme aus dem militärischen Bereich, sagt sie: Militärärzte amputierten Gliedmaßen der Soldaten. Dabei seien Männer unter sich gewesen.
Selbstvertrauen und Förderung
Womöglich hilft den männlichen Chirurgen ein größeres Selbstbewusstsein. „Ich kenne viele Männer, die sehr gut operieren und viele Frauen, die sehr gut operieren“, sagt Susanne Blank, geschäftsführende Oberärztin an der Universitätsmedizin Mannheim. „Insgesamt ist aber mein Eindruck, dass sich Männer durchschnittlich mehr zutrauen als Frauen und auch einen Schritt weiter gehen, bevor sie Hilfe holen. Ein gesundes Mittelmaß ist das Richtige. Selbstvertrauen ist wichtig, Selbstüberschätzung gefährlich.“
Susanne Blank hat sich auf bariatrische Chirurgie spezialisiert, sie behandelt Menschen mit Adipositas. „Ich konnte mir am Anfang des Studiums Chirurgie überhaupt nicht vorstellen, weil ich davon ausgegangen bin, dass der Umgangston sehr rau ist“, sagt sie. Doch dann erlebte sie, dass das nicht unbedingt so sein muss: „Als ich während des Studiums das Fach Viszeralchirurgie hatte, bei einer Dozentin, die mit großer Begeisterung Chirurgin war, hat mir die Chirurgie Spaß gemacht.“
Susanne Blank studierte von 2004 bis 2011 in Heidelberg. Damals wurde ihr vor allem von älteren Chirurgen vermittelt, dass die meisten Frauen irgendwann aufgegeben und der Beruf mit einer Familie schwer vereinbar sei. Tatsächlich aber sind die Arbeitszeiten nicht familienfreundlich: Um sieben Uhr ist Arbeitsbeginn, und an einem Haus der Maximalversorgung verlassen Chirurgen nicht vor 18 Uhr den Operationssaal. Danach folgen noch Spätvisiten. An Unikliniken gehört außerdem wissenschaftliches Engagement dazu, nicht selten arbeiten Mediziner nach Feierabend oder an Samstagen an Publikationen.
Schwangerschaft als Karrierehindernis
Bereits eine Schwangerschaft ist ein Karrierehindernis. Für Aufsehen sorgte 2015 die Initiative „Operieren in der Schwangerschaft“. Maya Niethard und Stefanie Donner von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie riefen dazu auf, das Mutterschutzgesetz von 1952 zeitgemäß auszulegen. Der Arbeitgeber ist laut diesem Gesetz verpflichtet, die Risiken für Schwangere am Arbeitsplatz zu prüfen und gegebenenfalls ein Beschäftigungsverbot auszusprechen. In der Chirurgie passiert das bis heute häufig. Dabei gäbe es laut Niethard und Donner Möglichkeiten, Schwangeren das Operieren zu ermöglichen.
So könnten Schwangere beispielsweise bei Eingriffen ohne Röntgenstrahlung eingesetzt werden, und bei Operationen, bei denen anstelle von fruchtschädigenden Narkosegasen intravenöse Anästhesien oder Regionalanästhesien angewandt werden. Das Risiko einer Infektion kann man durch ein Screening der Patienten auf Hepatitis-Viren und HIV minimieren. Bisher setzen solche Maßnahmen nur wenige Kliniken um.
Eine Schwangerschaft bleibt also ein Problem für eine aufstrebende Chirurgin. Die Neurochirurgin Charlotte Flüh hat daher bisher bewusst auf Kinder verzichtet. Sie ist Oberärztin an der Universitätsmedizin Göttingen. Im Operationssaal steht Flüh zwar selten länger als vier Stunden am Stück, dafür hat sie oft mehrere Eingriffe auf ihrem Tagesplan. Schon während ihres Studiums in Kiel mit Stationen in Tel Aviv, Edinburgh und Charleston war das Gehirn ihr Lieblingsorgan. „Mich fasziniert, wie viel heute möglich ist, etwa bei der Entfernung von Tumoren und im Bereich der Hirnstimulation“, sagt sie. Neben Leidenschaft und der Bereitschaft zur Weiterbildung sei Talent wichtig, meint Flüh. „Wir brauchen feinmotorisches Geschick, das hatte ich schon als Kind. Ich habe schon im Vorschulalter gern Perlenketten geknüpft.“
Vereinbarkeit von Familie und Karriere
Andere Chirurginnen schaffen den Spagat von Kind und Karriere. Die Herzchirurgin Tamari Tvildiani ist leitende Oberärztin und Stellvertreterin des Chefarztes am Klinikum Kassel. Sie ist verheiratet und hat ein zwölfjähriges Kind. Medizin hat die Georgierin in Spanien studiert. „Als ich während des Studiums zum ersten Mal während einer Operation ein Herz schlagen sah, wusste ich, dass ich am Herzen operieren möchte.“ Ihr Chef habe sie gefördert. Wenn eine Medizinerin spüre, dass der Rückhalt fehle, solle sie sich einen Arbeitsplatz suchen, an dem sie ihre Fähigkeiten einbringen könne.
„Natürlich gibt es tolle Kollegen“, sagt Katja Schlosser. „Auch mir haben Männer viel beigebracht.“ Aber Ärzte würden nicht gefragt, wer auf ihr Kind aufpasse, während sie arbeiten. „Ich musste mir diese Frage oft anhören.“ Susanne Blank aus Mannheim pflichtet ihr bei. „Wenn eine Frau nach sechs Monaten Elternzeit zurückkommt, wird die Frage gestellt: Fällt es dir nicht schwer, dein Kind abzugeben? Wenn ein Mann sechs Monate Elternzeit nimmt, wird er gefragt: Warum hast du dir so lange freigenommen?“
Besonders befriedigend für beide Chirurginnen ist das Gefühl, helfen zu können. „Wenn ich einen Krebs heilen kann, ist das großartig“, sagt Schlosser. Und nicht allein das Geschick im Operationssaal sei ausschlaggebend für den Erfolg, meint Susanne Blank. „Eine Operation ist immer eine Ausnahmesituation, die mit vielen Ängsten verbunden ist. Mit den richtigen Worten kann man viel bewirken.“



