Die Zahl der Darmkrebsfälle bei jüngeren Menschen in Deutschland nimmt zu, bleibt aber im internationalen Vergleich moderat. Eine aktuelle Studie im „International Journal of Cancer“ zeigt, dass der Anstieg vor allem die Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen betrifft, insbesondere die 20- bis 29-Jährigen. Dennoch sehen Experten derzeit keinen ausreichenden Grund, das gesetzliche Darmkrebs-Screening-Alter von 50 Jahren zu senken.
Anstieg vor allem bei jungen Erwachsenen
Das Forschungsteam um Sven Voigtländer vom Bayerischen Krebsregister und Hiltraud Kajüter vom Krebsregister Nordrhein-Westfalen wertete Krebsregisterdaten aus neun Bundesländern und dem Landkreis Münster aus, die 46 Prozent der deutschen Bevölkerung abdecken. Im Zeitraum von 2003 bis 2023 wurden bei 20- bis 49-Jährigen insgesamt 27.568 kolorektale Karzinome diagnostiziert. Die Zahl der Neudiagnosen von frühem kolorektalem Karzinom (EO-CRC) ohne Appendixkrebs stieg bei Männern jährlich um durchschnittlich 0,8 Prozent, bei Frauen um 0,9 Prozent. Besonders stark war der Anstieg bei den 20- bis 29-Jährigen: 3,3 Prozent pro Jahr bei Männern und 3,9 Prozent bei Frauen. Bei den 30- bis 39-Jährigen betrugen die Werte 2,2 Prozent (Männer) und 2,0 Prozent (Frauen). In der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen blieb die Zahl der Neudiagnosen hingegen nahezu unverändert.
Ein Großteil des Anstiegs entfällt laut den Autoren auf Formen mit vergleichsweise guter Prognose, wie kleine oder weniger aggressive Tumore. Appendixkarzinome – Krebserkrankungen des Wurmfortsatzes – nahmen in allen Altersgruppen zu.
Screening-Alter bleibt bei 50 Jahren
Trotz des Anstiegs halten die Studienautoren eine Senkung des Einstiegsalters für das Darmkrebs-Screening auf 45 Jahre nicht für gerechtfertigt. „Die praktikablen, kosteneffektiven Präventionsstrategien sind hierzulande längst nicht ausgeschöpft“, betonen sie. In einem aktuellen Vergleich der Präventionspolitik von 18 europäischen Ländern belegt Deutschland lediglich Platz 17. Zudem ist die absolute Häufigkeit junger Darmkrebsfälle im Vergleich zu den über 50-Jährigen gering: Von durchschnittlich 56.200 neuen Darmkrebsfällen (einschließlich Appendixkarzinom) pro Jahr in Deutschland zwischen 2021 und 2023 waren nur 3.000 (5,4 Prozent) früh auftretend.
Experten wie Thomas Seufferlein von der Uniklinik Ulm, der nicht an der Studie beteiligt war, unterstützen diese Einschätzung: „Wir müssen allerdings die Daten im Blick behalten, um Screeningprogramme rechtzeitig anzupassen.“ In den USA werde mittlerweile 14 Prozent aller Darmkrebsdiagnosen bei unter 50-Jährigen gestellt, weshalb dort das Screening auf das 45. Lebensjahr herabgesetzt wurde. Christian Pox vom St. Joseph-Stift Bremen warnt vor einer verringerten Effektivität des Programms bei höheren Kosten: „Ein viel größerer Effekt könnte erreicht werden, wenn die Teilnahmerate an der gesetzlichen Krebsfrüherkennung bei den Berechtigten von 50 Jahren und älter gesteigert werden würde.“
Ursachen: Lebensstil und Adipositas im Fokus
Die genauen Ursachen für den Anstieg bleiben unklar. Die Forscher vermuten einen Zusammenhang mit Lebensstilveränderungen seit den 1950er Jahren. „Dazu zählen Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Antibiotikaeinnahme, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Reproduktionstechnologien, die potenziell zu frühkindlichen physiologischen oder metabolischen Veränderungen führen und das Darmmikrobiom beeinflussen.“ Adipositas stelle einen Zustand chronischer Entzündung dar und gelte als wahrscheinlichste Ursache für den Anstieg der EO-CRC-Fälle.
Bisherige Studien zeigen, dass Fettleibigkeit – insbesondere in jungen Jahren – mit einem höheren Risiko für frühen Darmkrebs verbunden ist. In Deutschland stieg der Anteil Fettleibiger bei den 25- bis 34-Jährigen zwischen 1990/1992 und 2008/2011 bei Männern von 11 auf 17 Prozent, bei Frauen von 9 auf 14 Prozent. In den USA stieg der Anteil bei den 20- bis 39-Jährigen zwischen 2007/2008 und 2015/2016 von 31 auf 36 Prozent, bei den 2- bis 19-Jährigen von 17 auf 19 Prozent. Die Zahlen seien nicht direkt vergleichbar, belegten aber eine deutlich geringere Adipositas-Häufigkeit in Deutschland. Möglicherweise sei dies der Grund für den geringeren Anstieg früher Darmkrebsfälle hierzulande. Chefarzt Pox plädiert jedoch für weitere Untersuchungen: „Die höhere Übergewichtsrate scheint als alleiniger Grund zu vereinfacht.“
Sterblichkeit stabil, Früherkennung verbessert
Im Gegensatz zu den USA, wo die EO-CRC-Sterblichkeit zwischen 2004 und 2020 durchschnittlich um 1,2 Prozent pro Jahr stieg, blieb die Mortalität in Deutschland nahezu stabil. Eine mögliche Ursache sehen die Wissenschaftler in einer verbesserten Früherkennung. Insgesamt sinkt die Häufigkeit von Darmkrebs über alle Altersgruppen hinweg in vielen Ländern, darunter auch Deutschland, seit Jahrzehnten. Experten führen dies unter anderem auf die Einführung von Screening-Programmen zurück, mit denen Vorstufen erkannt werden. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes sank die Zahl der Todesfälle durch Darmkrebs innerhalb von 20 Jahren um 17 Prozent: 2003 starben noch 28.900 Menschen, 2023 waren es 24.100.



