Neue Hoffnung für Millionen Herzpatienten
Weltweit zählt die Herzschwäche zu den häufigsten schweren Herzerkrankungen. In Deutschland sind rund vier Millionen Menschen von einer Herzinsuffizienz betroffen, wie die Deutsche Herzstiftung mitteilt. Oft entsteht diese Erkrankung nach einem Herzinfarkt: Wenn Herzmuskelgewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, stirbt es ab. Der Körper ersetzt das abgestorbene Gewebe durch Narbengewebe, das sich nicht zusammenziehen kann. Die Folge ist eine dauerhaft nachlassende Pumpkraft des Herzens.
Moderne Medikamente können den Krankheitsverlauf zwar oft verlangsamen, aber zerstörte Herzmuskeln bisher nicht ersetzen. In schweren Fällen bleiben häufig nur eine Herztransplantation oder mechanische Herzunterstützungssysteme. Ein neuer Therapieansatz soll diese Lücke schließen: ein aus Stammzellen gezüchtetes Herzpflaster, das geschädigte Herzen stabilisieren und die Pumpfunktion verbessern soll.
Studie zeigt erstmals klinischen Nutzen
In der klinischen Studie BioVAT-HF-DZHK20, die seit Anfang 2021 von der Universitätsmedizin Göttingen und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Universitäres Herzzentrum Lübeck, durchgeführt wird, wurde das Verfahren untersucht. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Professor Wolfram-Hubertus Zimmermann, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie in Göttingen. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.
Laut den Forschern konnte erstmals in einer klinischen Studie gezeigt werden, dass im Labor gezüchtetes Herzmuskelgewebe geschädigte Herzen stabilisieren und sowohl die Pumpfunktion als auch die Beschwerden bei Herzmuskelschwäche verbessern kann. Die Studie gilt als die bislang umfangreichste klinische Untersuchung in diesem Bereich. Zugleich sehen die Wissenschaftler darin die erste Studie dieses Forschungsfeldes, die einen statistisch gesicherten klinischen Nutzen bei behandelten Patienten nachweisen konnte.
Zerstörte Herzmuskelzellen ersetzen
„Die heute verfügbaren Therapien können den Krankheitsverlauf oft verlangsamen, aber zerstörte Herzmuskeln nicht ersetzen“, erklärt Professor Zimmermann. Ziel sei es daher, neues, funktionierendes Herzmuskelgewebe herzustellen und damit das geschwächte Herz gezielt zu unterstützen.
Für den neuen Therapieansatz verwenden die Forscher sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen. Diese werden im Labor aus Blutzellen hergestellt und anschließend zu Herzmuskel- sowie Bindegewebszellen entwickelt. Zusammen mit Kollagen als natürlichem Gerüst entsteht daraus schlagendes Herzgewebe. Bis zu 20 solcher Gewebeeinheiten werden dann zu einem Herzpflaster zusammengesetzt.
Die Herstellung erfolgt unter kontrollierten Bedingungen in speziellen Reinräumen mit Unterstützung von Fachleuten des Göttinger Biotechnologieunternehmens Repairon, einer Ausgründung der Universitätsmedizin Göttingen. Das Pflaster wird über einen minimalinvasiven Zugang implantiert und auf die Außenseite des geschädigten Herzens genäht. Dort soll es eine neue, etwa drei bis vier Millimeter dicke Herzmuskelschicht bilden, die die geschwächte Herzwand stabilisiert und langfristig unterstützt.
Ergebnisse der klinischen Studie
In der aktuellen Studie wurden insgesamt 20 Frauen und Männer mit schwerer Herzschwäche behandelt. Alle litten trotz umfassender medikamentöser und apparativer Standardtherapie unter einer stark eingeschränkten Herzfunktion. Ihre linksventrikuläre Auswurffraktion – der Anteil des Blutes, den das Herz mit jedem Schlag aus der linken Herzkammer in den Körper pumpt – lag bei höchstens 35 Prozent.
Zunächst untersuchten die Forscher, welche Höchstdosis des gezüchteten Herzmuskelgewebes sicher transplantiert werden kann. Als höchste sichere Dosis wurden rund 800 Millionen Herzzellen bestimmt. Anschließend wurde die Therapie bei weiteren Patienten getestet.
Die Auswertung der ersten 16 Personen, die diese Dosis erhalten hatten, zeigte drei Monate nach dem Eingriff eine Verdickung der geschädigten Herzwand. Zudem verbesserte sich die Pumpfunktion des Herzens, und die Patienten berichteten über eine bessere Lebensqualität. Auch in der mittlerweile mehr als vierjährigen Nachbeobachtung zeigten sich Hinweise auf eine anhaltende Verbesserung der Herzfunktion.
Ein Patient berichtet von seiner Erfahrung
Was ein solcher Ansatz für Betroffene bedeuten kann, zeigt der Fall von Steffen Eyring, der im Rahmen der Studie behandelt wurde. Im Juli 2020 erlitt er einen schweren Herzinfarkt und lag mehrere Tage im Koma. Nach einer Reha stabilisierte sich sein Zustand zunächst, doch die Herzleistung blieb dauerhaft stark eingeschränkt. Gemeinsam mit seiner Frau Ina versuchte er, den Alltag neu zu strukturieren: Das Ehepaar stellte die Ernährung um und begann, regelmäßig spazieren zu gehen.
Doch der Zustand verschlechterte sich schleichend. „Anfangs haben wir 30 Minuten geschafft, dann brauchte er 40 Minuten für dieselbe Strecke – später noch mehr“, erzählt Ina Eyring. Ihr Mann musste immer wieder stehen bleiben und bekam schlecht Luft. Trotz Defibrillator und weiterer Therapien sank seine Pumpfunktion auf nur noch etwa 18 bis 20 Prozent. Ärzte empfahlen ihm ein mechanisches Herzunterstützungssystem. „Der Einsatz eines künstlichen Herzens erschien für mich aber nicht richtig“, sagt Eyring.
Durch einen Fernsehbericht wurde das Ehepaar auf die Herzpflaster-Studie aufmerksam. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Eyring. „Wir haben den Bericht gesehen und sofort gedacht: Das könnte vielleicht meine Chance sein.“ Im Juni 2024 wurde er in Göttingen operiert. Seither hat sich seine Herzfunktion leicht verbessert und stabilisiert. „Er kann wieder am Alltag teilnehmen und hat heute wieder mehr gute als schlechte Tage“, sagt Ina Eyring.
Ausblick und nächste Schritte
Noch handelt es sich um eine frühe klinische Studie mit begrenzter Patientenzahl. Die Daten müssen daher in größeren Untersuchungen bestätigt werden, bevor das Verfahren breiter eingesetzt werden kann. Dennoch bewerten die beteiligten Wissenschaftler die Ergebnisse als wichtigen Schritt. „Unsere Ergebnisse zeigen erstmals in einer größeren klinischen Studie, dass eine Wiederherstellung von Herzmuskelfunktion beim Menschen mit fortgeschrittener Herzmuskelschwäche grundsätzlich möglich ist“, sagt Professor Zimmermann.
Für Patienten wie Steffen Eyring ist das Herzpflaster noch keine etablierte Standardtherapie. Es eröffnet aber eine Perspektive auf eine Behandlung, die nicht nur Symptome lindern, sondern geschädigtes Herzmuskelgewebe funktionell ersetzen soll. Entsprechende Folgestudien unter Beteiligung weiterer Zentren in Deutschland, Europa und den USA befinden sich bereits in Vorbereitung.



