Härtere Gangart bei Krankschreibung: Was der Reformplan für Beschäftigte bedeutet
Härtere Gangart bei Krankschreibung: Reformplan im Detail

Abschaffung der telefonischen Krankschreibung

Die schwarz-rote Koalition plant eine Verschärfung der Regeln zur Krankschreibung. Wie aus Koalitionskreisen verlautet, soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden. Künftig gilt die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag als Regel. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erhofft sich davon eine Reduzierung der Krankheitstage in Deutschland. Die bisherige Praxis, dass Arbeitnehmer bei leichten Erkrankungen bis zu drei Tage ohne ärztliches Attest zu Hause bleiben konnten, entfällt damit.

Hintergrund und Ziele der Reform

Die Maßnahme ist Teil eines umfassenderen Reformpakets, das die Koalition im Bereich Gesundheit und Arbeitsmarkt schnürt. Laut einer Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums sollen Fehlzeiten gesenkt und die Produktivität gesteigert werden. „Wir müssen Anreize setzen, dass Krankmeldungen nicht leichtfertig genutzt werden“, so die Sprecherin. Die genauen Zahlen zu den aktuellen Krankheitstagen liegen noch nicht vor, doch die Bundesregierung verweist auf steigende Krankenstände in den vergangenen Jahren.

Expertenstimmen: Wirkung umstritten

Der Arbeitsmarktexperte Dr. Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) äußert sich skeptisch: „Die reine Ausweitung der Attestpflicht wird kaum zu einer Senkung der Krankheitstage führen. Sie könnte sogar kontraproduktiv sein, weil sie den Arztbesuch auch bei Bagatellerkrankungen erzwingt und so die Praxen belastet.“ Er verweist auf Studien, die zeigen, dass Länder mit strengen Attestregeln nicht zwangsläufig niedrigere Krankenstände aufweisen. Stattdessen komme es auf die Unternehmenskultur und die Arbeitsbedingungen an.

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Praktische Folgen für Beschäftigte

Für Arbeitnehmer bedeutet die Reform einen höheren bürokratischen Aufwand. Schon bei einer leichten Erkältung müssen sie künftig zum Arzt, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten. Dies könnte zu längeren Wartezeiten in den Praxen führen und die ohnehin angespannte Versorgungssituation verschärfen. Zudem befürchten Kritiker, dass Arbeitnehmer aus Angst vor negativen Konsequenzen eher zur Arbeit gehen, obwohl sie krank sind – was langfristig zu höheren Fehlzeiten führen könnte.

Blick auf die Zahlen

Die offiziellen Statistiken zeigen, dass die Zahl der Krankheitstage in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen ist. 2023 lag der durchschnittliche Krankenstand bei etwa 5,5 Prozent, Tendenz steigend. Ob die Reform diesen Trend umkehren kann, ist fraglich. Eine Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit ergab, dass nur ein geringer Teil der Fehlzeiten auf „Blaumachen“ zurückzuführen ist – der Großteil entfällt auf ernsthafte Erkrankungen. Die Koalition setzt dennoch auf eine härtere Gangart, um die öffentlichen Ausgaben für Krankengeld zu senken.

Reaktionen aus der Wirtschaft

Die Arbeitgeberverbände begrüßen die Pläne grundsätzlich. „Jeder Fehltag kostet die Unternehmen viel Geld. Wir unterstützen Maßnahmen, die die Anwesenheit fördern“, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Die Gewerkschaften hingegen warnen vor einem Misstrauensklima. „Statt die Beschäftigten unter Generalverdacht zu stellen, sollte die Politik die Arbeitsbedingungen verbessern“, kritisierte ein Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Ausblick und mögliche Anpassungen

Der Gesetzentwurf soll im Laufe des Jahres ins Parlament eingebracht werden. Ob die Attestpflicht ab Tag eins tatsächlich kommt, ist noch nicht endgültig entschieden. In den Koalitionsverhandlungen gibt es noch Diskussionsbedarf, insbesondere zur Umsetzung in Kleinbetrieben. Experten fordern zudem, die Reform mit Präventionsmaßnahmen zu flankieren, etwa durch betriebliches Gesundheitsmanagement. Nur so könne langfristig eine echte Senkung der Krankheitstage erreicht werden, betont Dr. Klös.

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