Eine Hausärztin und ein Arbeitspsychologe haben sich kritisch zu den Plänen von CDU-Chef Friedrich Merz geäußert, eine Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag einzuführen. Sie warnen, dass diese Maßnahme nicht nur die gewünschte Wirkung verfehlen, sondern sogar kontraproduktiv sein könnte.
Die Pläne von Friedrich Merz
Friedrich Merz hatte vorgeschlagen, dass Arbeitnehmer bereits am ersten Tag der Krankmeldung ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Bislang ist dies in der Regel erst ab dem dritten Tag erforderlich. Ziel sei es, die Zahl der Krankschreibungen zu reduzieren und Missbrauch vorzubeugen. Die Pläne stoßen jedoch auf breite Ablehnung bei Medizinern und Psychologen.
Kritik der Hausärztin
Die Hausärztin aus Berlin betont, dass viele Beschwerden wie Migräne, Menstruationskrämpfe oder Magen-Darm-Infekte oft nach einem Tag Ruhe von selbst verschwinden. „Eine Migräne ist oft nach einer Nacht mit genug Schlaf und Dunkelheit vorbei. Auch Menstruationskrämpfe kommen und gehen, bei der einen hilft eine Wärmflasche, bei der anderen Schmerzmittel. Jemand mit Magen-Darm braucht am ersten Tag vor allem Ruhe, Flüssigkeit und eine Toilette“, erklärt sie. Eine Attestpflicht würde diese Patienten zwingen, unnötig die Arztpraxis aufzusuchen, was die Praxen überlastet und die Kosten im Gesundheitssystem erhöht.
Warnung des Arbeitspsychologen
Der Arbeitspsychologe warnt vor den psychologischen Folgen: „Nichts erschüttert die Motivation so zuverlässig wie Misstrauen von oben“, zitiert er. Eine Attestpflicht signalisiere den Arbeitnehmern, dass ihnen grundsätzlich nicht geglaubt werde. Dies könne das Betriebsklima verschlechtern und die Identifikation mit dem Unternehmen verringern. Statt Krankschreibungen zu reduzieren, könnte die Maßnahme langfristig zu höheren Fehlzeiten führen, da motivierte Mitarbeiter demotiviert werden.
Denkfehler in den Plänen
Beide Experten sehen einen grundlegenden Denkfehler in den Plänen von Merz. Die Annahme, dass eine Attestpflicht die Zahl der Krankschreibungen senkt, sei nicht durch Daten belegt. Im Gegenteil: In Ländern mit strengeren Regelungen seien die Fehlzeiten oft höher. Zudem ignoriere der Vorschlag die Realität vieler Berufe, in denen Arbeitnehmer auch mit leichten Symptomen arbeiten könnten, wenn sie dies wünschen. Die Attestpflicht könnte dazu führen, dass sich mehr Menschen krankschreiben lassen, anstatt sich auszuruhen und dann wieder fit zu werden.
Auswirkungen auf das Gesundheitssystem
Die Hausärztin weist auf die zusätzliche Belastung der Praxen hin. „Wir haben ohnehin schon volle Wartezimmer. Wenn nun jeder mit Schnupfen oder Kopfschmerzen am ersten Tag ein Attest braucht, können wir uns um die wirklich Kranken kaum noch kümmern.“ Die Kosten für diese zusätzlichen Arztbesuche müssten letztlich die Krankenkassen tragen, was die Beiträge weiter steigen lasse.
Alternativen zur Attestpflicht
Der Arbeitspsychologe schlägt stattdessen mehr Vertrauen und flexible Arbeitsmodelle vor. „Arbeitgeber sollten auf Eigenverantwortung setzen und Homeoffice oder Gleitzeit ermöglichen. Das fördert die Gesundheit und reduziert Fehlzeiten nachhaltiger als jede Kontrolle“, sagt er. Auch die Hausärztin plädiert für mehr Prävention und betriebliches Gesundheitsmanagement, statt auf bürokratische Hürden zu setzen.



