Überraschende Erkenntnisse aus den Niederlanden
Kopfschmerzen, Gehirnnebel, Orientierungs-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen: Die Symptome einer Migräne lassen viele Betroffene fürchten, dass sie allmählich in eine Demenz rutschen könnten. Diese Sorge ist unter Ärzten weit verbreitet. Doch eine niederländische Studie im Fachblatt „Alzheimer’s and Dementia“ widerspricht dieser Annahme nun deutlich.
Studie mit 7000 Teilnehmern über fast ein Jahrzehnt
Ein Forschungsteam um Kamran Ikram vom Erasmus University Medical Center in Rotterdam begleitete fast zehn Jahre lang rund 7000 Erwachsene über 45 Jahre. Zu Beginn litten 15 Prozent unter diagnostizierter Migräne, aber niemand zeigte Demenzsymptome. In den folgenden Jahren wurden die Teilnehmer regelmäßig untersucht und kognitiven Tests unterzogen. 491 von ihnen entwickelten eine Demenz, 379 davon Alzheimer. Migränepatienten waren jedoch seltener betroffen: Sie zeigten ein um 30 Prozent geringeres Demenzrisiko und ein um 42 Prozent verringertes Risiko für Alzheimer.
Migräne als Schutzfaktor?
Die Ergebnisse legen nahe, dass Migräne nicht nur kein Demenzrisiko darstellt, sondern sogar schützend wirken könnte. Studienleiter Kamran Ikram verweist auf Untersuchungen der Blutgefäße von Migränepatienten: „Sie zeigten eine bessere Hirndurchblutung und weniger Kalkablagerungen in der Halsschlagader.“ Dies spreche für eine bessere Sauerstoffversorgung des Gehirns. Einige Schmerzexperten sprechen sogar von einem „Reset-Programm“ des Gehirns bei Migräneattacken, bei dem Ungleichgewichte in der Reizverarbeitung abgebaut werden.
Experten warnen vor voreiligen Schlüssen
Gudrun Goßrau vom Kopfschmerzzentrum am Uniklinikum Dresden bezeichnet die Ergebnisse als „gute Nachricht“ für Migränepatienten, warnt aber vor Überinterpretation. Viele Betroffene achteten nach der Diagnose mehr auf ihre Gesundheit, was das geringere Demenzrisiko erklären könnte. Auch die Einnahme von schmerzlindernden Medikamenten mit entzündungshemmender Wirkung könne schützend wirken. Eine Studie der Erasmus University zeigte, dass Probanden, die länger als zwei Jahre NSAR einnahmen, ein um 12 Prozent niedrigeres Demenzrisiko hatten.
Kein Freibrief für Schmerzmittel
Kamran Ikram betont jedoch, dass die tägliche Einnahme von NSAR wegen schwerwiegender Nebenwirkungen wie Magen- und Darmgeschwüren nicht empfohlen wird. Eine wiederholte kurzfristige Einnahme könne das Demenzrisiko sogar um vier Prozent erhöhen. Für Migränepatienten bedeutet das nicht, auf Behandlung zu verzichten. „In diesem Falle steigt wegen der chronischen Belastung das Risiko für eine Depression, und die erhöht wiederum das Demenzrisiko“, warnt Goßrau. Sie interpretiert die Studie als Bestätigung, dass Migräne diagnostiziert, ernst genommen und spezifisch behandelt werden muss.
Nachholbedarf in der Versorgung
Laut Umfragen der Europäischen Migräne- und Kopfschmerzallianz glauben 93 Prozent der Migränepatienten, dass die Öffentlichkeit die Krankheit nicht richtig versteht. 74 Prozent gehen davon aus, dass medizinisches Fachpersonal ihr Problem nicht ernst nimmt. 35 Prozent zögern deshalb den Arztbesuch hinaus oder vermeiden ihn ganz. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, das Bewusstsein für Migräne zu schärfen und Betroffenen eine angemessene Behandlung zu bieten.



