Narkose: Gehirn bleibt aufmerksamer als gedacht – Studie zeigt Wahrnehmung
Narkose: Gehirn bleibt aufmerksamer als gedacht

Was passiert bei Narkose im Gehirn?

Die Menschen nehmen mehr wahr als angenommen. Eine neue Studie zeigt: Selbst unter Vollnarkose bleibt das Gehirn erstaunlich aufmerksam. Töne, Worte und Muster werden verarbeitet – ein Plädoyer für mehr Respekt im OP und im Aufwachraum. Eine Kolumne von Dr. Magnus Heier.

Der neurologische Oberarzt hatte seinerzeit als Zivildienstleister im Aufwachraum Dienst. Und sprach über einen gerade operierten, aber noch bewusstlosen Patienten. Ein paar Stunden später wurde er zum Chefarzt zitiert: Der Patient im Aufwachraum war doch schon wacher, als der angehende Neurologe gedacht hatte.

Nun belegt eine aktuelle Studie in der Zeitschrift „Nature“, dass das Gehirn nicht nur beim Aufwachen, sondern auch unter Vollnarkose sehr viel „aufmerksamer“ ist, als bisher gedacht. Die verbreitete Annahme, das Gehirn sei gleichsam „ausgeknipst“, ist völlig falsch. Untersucht wurden sieben Patienten, die wegen Epilepsie am Gehirn operiert werden mussten.

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Während der Operation wurden mit sehr dünnen Sonden Hunderte Einzelsignale von Nervenzellen abgeleitet. Aber nicht irgendwo, sondern im sogenannten Hippocampus, der Stelle, die Wahrnehmungen analysiert und Erinnerungen zumindest vorübergehend speichert. Gleichzeitig wurden die Patienten mit Tonfolgen und auch mit Sprache beschallt.

Überraschenderweise reagierten die narkotisierten Hippocampi (es gibt in jeder Gehirnhälfte einen) auf Töne und Worte. Mehr noch: Abweichungen in der Tonfolge wurden erkannt. Und nach zehn Minuten sogar noch besser als am Anfang. Auch bei gesprochenen Worten zeigten die Neuronen im Hippocampus, dass sie Bedeutung und Grammatik der Worte zumindest ansatzweise verstanden hatten.

Die Patienten waren – wohlgemerkt – unter der Narkose ohne Bewusstsein. Sie nahmen Töne und Worte subjektiv nicht wahr. Trotzdem irritiert die Messung: Die unterbewusste Wahrnehmung narkotisierter Patienten kann Spuren im Gehirn hinterlassen. Vielleicht sogar mehr oder weniger strukturierte Erinnerungen. Auf jeden Fall darf man auch das narkotisierte Gehirn nicht unterschätzen – und sollte sich entsprechend respektvoll verhalten, nicht nur im Aufwachraum, sondern auch im Operationssaal.

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