Postpartale Thyreoiditis: Wenn die Schilddrüse nach der Geburt verrücktspielt
Berlin. Frisch gebackene Mütter fühlen sich oft kraftlos – und das liegt nicht nur am Schlafmangel. Woran man eine Schilddrüsenerkrankung erkennt. Von Alina Juravel, Redakteurin 13.06.2026, 14:00 Uhr
Müdigkeit, Erschöpfung, Stimmungsschwankungen – viele Frauen halten solche Beschwerden nach der Geburt des Kindes für normal. Doch es kann auch eine Erkrankung der Schilddrüse dahinterstecken. Denn etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen entwickeln im ersten Jahr nach der Entbindung eine sogenannte postpartale Thyreoiditis. Welche Warnsignale Frauen kennen sollten und wie gefährlich diese Krankheit werden kann, wenn sie unerkannt bleibt, erläutert Prof. Dr. med. Joachim Feldkamp. Er ist Endokrinologe und Chefarzt der Klinik für Endokrinologie am Klinikum Bielefeld.
Was ist eine postpartale Thyreoiditis?
Joachim Feldkamp: Von einer postpartalen Thyreoiditis sprechen wir, wenn es innerhalb des ersten Jahres nach einer Entbindung zu einer entzündlichen Veränderung der Schilddrüse kommt. Dabei greift das eigene Immunsystem das Schilddrüsengewebe an. Typischerweise verläuft die Erkrankung in mehreren Phasen: Zunächst kommt es oft zu einer vorübergehenden Schilddrüsenüberfunktion. Nach einigen Wochen oder Monaten folgt eine Phase der Schilddrüsenunterfunktion, die häufig zwischen dem dritten und zwölften Monat nach der Geburt auftritt. Oft erholt sich die Schilddrüse anschließend wieder und die Hormonproduktion normalisiert sich innerhalb von zwölf bis 18 Monaten nach der Geburt. Bei etwa jeder vierten bis fünften betroffenen Frau bleibt jedoch eine chronische Schilddrüsenunterfunktion zurück, die lebenslang behandelt werden muss.
Warum entstehen Schilddrüsenprobleme nach der Schwangerschaft?
Als entscheidender Auslöser gilt die Umstellung des Immunsystems nach der Geburt. Während der Schwangerschaft wird die Immunabwehr ziemlich gedämpft, um das ungeborene Kind zu schützen und nicht als Fremdkörper abzustoßen. Nach der Entbindung wird das Immunsystem sozusagen neu gestartet und kehrt wieder in seinen normalen Aktivitätszustand zurück. Bei einigen Frauen kommt es dabei offenbar zu einer überschießenden Immunreaktion, die sich gegen die eigene Schilddrüse richtet. Nach aktuellem Kenntnisstand entwickeln nach der Entbindung etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen eine postpartale Thyreoiditis, wobei möglicherweise ein Teil der Fälle gar nicht erkannt wird.
Warum denken Sie das? Die Symptome werden oft fehlinterpretiert oder mit denen von Wochenbettdepressionen verwechselt. Die Geburt eines Kindes ist oft mit wenig Schlaf verbunden. Eine Zuordnung der Symptome kann dann schwierig sein.
Symptome der postpartalen Thyreoiditis
Die Symptome hängen davon ab, in welcher Phase sich die Erkrankung gerade befindet. In der frühen Phase, in der vorübergehend zu viele Schilddrüsenhormone im Blut vorhanden sind, haben Frauen Symptome einer Überfunktion. Dazu gehören insbesondere Herzklopfen oder Herzrasen, innere Unruhe, Nervosität, Schlafstörungen, vermehrtes Schwitzen, Durchfall und manchmal auch ein unerklärlicher Gewichtsverlust trotz normaler Nahrungsaufnahme. In der späteren Phase, wenn die Schilddrüse in eine Unterfunktion rutscht und zu wenig Hormone produziert, stehen eher Erschöpfung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit sowie depressive Verstimmungen im Vordergrund. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Symptome von den normalen Veränderungen nach einer Geburt zu unterscheiden.
Diagnose und Behandlung
Hinweisgebend sind vor allem die Intensität und Dauer der Symptome. Wenn Beschwerden ungewöhnlich stark ausgeprägt sind, länger anhalten oder sich im Verlauf verändern – etwa von Unruhe zu ausgeprägter Erschöpfung –, sollte man an eine Schilddrüsenerkrankung denken. Sicherheit gibt letztlich nur eine Blutuntersuchung, bei der die Schilddrüsenhormone und gegebenenfalls auch Antikörper bestimmt werden. Die Behandlung richtet sich grundsätzlich nach der jeweiligen Phase der Erkrankung und nach der Ausprägung der Beschwerden. In der Phase der Überfunktion werden Betablocker gegeben, um die Symptome abzuschwächen. Manchmal ist keine spezifische Therapie notwendig, sondern vor allem eine engmaschige Kontrolle der Schilddrüsenfunktion ausreichend. Wenn sich jedoch eine Schilddrüsenunterfunktion manifestiert, ist es nötig, L-Thyroxin, also Schilddrüsenhormone in Tablettenform, zu geben. Ob und wie lange diese Behandlung erforderlich ist, hängt davon ab, wie stark die Schilddrüsenfunktion eingeschränkt ist.
Folgen einer unbehandelten Unterfunktion
Schilddrüsenhormone sind zentral für den gesamten Stoffwechsel, die Energieversorgung und auch für die psychische Stabilität. Eine unbehandelte Unterfunktion kann daher zu ausgeprägter und anhaltender Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen und depressiven Verstimmungen führen. Wenn die Unterfunktion über längere Zeit bestehen bleibt, kann sie zudem den Fettstoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System und das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigen.



