Die aktuelle Hitzewelle in Rheinland-Pfalz bringt Krankenhäuser an ihre Grenzen. Selbst die Universitätsmedizin Mainz, die größte Klinik des Landes, musste auf Lüfter der Feuerwehr zurückgreifen. „Ich glaube, dass kein Krankenhaus in Deutschland auf solch eine Hitze wirklich ausreichend vorbereitet ist und jetzt damit umgehen kann“, sagt Ralf Kiesslich, Vorstandschef der Universitätsmedizin Mainz.
Notaufnahmen überlastet und Kühlprobleme
„Wir hatten hitzebedingt so viele schwerstkranke Patienten und ein Überlaufen der Notaufnahme, wie wir das noch nicht gesehen haben“, berichtet Kiesslich. Der Krisenstab wurde einberufen, und Kiesslich selbst war nachts vor Ort. Auch Kühlschränke mit Arzneimittelproben und eingelagerten Proben seien mit der Hitze nicht zurechtgekommen.
Die Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz sieht zunehmende Hitzewellen als große Herausforderung für die stationäre Versorgung. „Gleichzeitig verfügen viele Klinikgebäude aufgrund ihres Alters und eines erheblichen Investitionsstaus momentan nicht über Möglichkeiten eines effektiven Hitzeschutzes“, mahnt Geschäftsführer Andreas Wermter. Viele Klinikgebäude stammen aus den 1960er bis 1980er Jahren und wurden unter anderen klimatischen Bedingungen geplant.
Bauliche Maßnahmen gefordert
Wermter und Kiesslich sind sich einig: Es braucht wirksamen Sonnenschutz, Lüftungs- und Kühlsysteme, energieeffiziente Gebäudetechnik und Außenbereiche mit Schatten. Klimaanlagen seien bisher nicht flächendeckend vorgesehen, so Kiesslich. „Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir uns da mittelfristig anders aufstellen.“
Klimaanlagen verbrauchen viel Strom, daher müsse auch auf gute Belüftung gesetzt werden. Zudem solle man auf Baustrukturen in südlichen Ländern blicken – von breiten Fensterfronten, die verdunkelt werden können, bis zur Dicke von Mauern. „Diese Diskussion wird jetzt Fahrt aufnehmen, in ganz Deutschland“, prognostiziert Kiesslich. Kurzfristig sei dies jedoch nicht umsetzbar, da es sich um eine bauliche Herausforderung handelt.
Besonders gefährdet: Alte und chronisch Kranke
„Getroffen werden von der Hitze vor allem alte und chronisch kranke Menschen, die sowieso schon geschwächt sind“, erklärt Kiesslich. Sie kämen in einem Zustand in die Notaufnahme, in dem es nicht mehr um eine Infusion und Kühlung gehe. Stattdessen müssten sie stationär aufgenommen werden, weil Organsysteme wie Nieren- oder Herzfunktion versagen oder das Bewusstsein eingetrübt sei.
Hinzu komme eine Zunahme von Gewalt und Aggression. „Hitzeperioden machen mit allen Menschen etwas, wir haben Schwierigkeiten, immer mit der Hitze gut umzugehen“, so Kiesslich.
Forderung nach Sonderprogramm
Die Krankenhausgesellschaft begrüßt „erste Bemühungen des Landes im Bereich Klimaschutz“, fordert aber ein Sonderprogramm „Klimafeste Krankenhäuser Rheinland-Pfalz“. „Krankenhäuser gehören zur Kritischen Infrastruktur“, betont Wermter. „Sie müssen auch unter den Bedingungen des Klimawandels jederzeit leistungsfähig bleiben. Investitionen in Klimaanpassung sind keine freiwilligen Zusatzleistungen, sondern dienen der Patientensicherung und der Sicherstellung der medizinischen Versorgung.“
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) beziffert den Investitionsbedarf für klimaneutrale und -resiliente Krankenhäuser auf mindestens 31 Milliarden Euro bundesweit. Ventilatoren und verdunkelnde Vorhänge als Standard reichten künftig nicht mehr aus, moniert der aus Rheinland-Pfalz stammende DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß.
Landesminister: Rekordinvestitionen für Klimaschutz
Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) verweist auf das Krankenhausinvestitionsprogramm und ein Sondervermögen für Klimamaßnahmen. „Wir setzen so viel Geld wie nie ein“, sagt Hoch. Für die kommenden zehn Jahre stünden mehr als drei Milliarden Euro für Investitionen in Krankenhäuser bereit, die vor allem den Kliniken in der Fläche zugutekommen sollen. „Diese Summe muss erst einmal verbaut werden“, betont Hoch. Allerdings gelte nicht „whatever it takes – jeder baut, wie er will.“
Hitze als schleichende Gefahr
„Wir Deutsche verbinden Hitze immer mit Urlaub oder etwas Schönem“, sagt Unimedizin-Chef Kiesslich. „Aber sie ist wirklich ein Killer, nur dass man das nicht sieht. Die Schäden, die ein Erdbeben anrichtet, sieht man unmittelbar, aber die Folgen von Hitze kommen schleichend.“



