Warum warme Getränke beruhigen: Die Wissenschaft dahinter
Warme Getränke beruhigen: Die Wissenschaft dahinter

„Abwarten und Tee trinken“ – diese Redewendung kennt wohl jeder. Sie drückt aus, dass es in manchen Situationen gut tut, zur Ruhe zu kommen, Abstand zu gewinnen und bei einer Tasse Tee Stress und Aufregung abklingen zu lassen. Doch warum wirken warme Getränke eigentlich so beruhigend? Die Antwort liegt in mehreren miteinander zusammenhängenden Faktoren, wie Patrick Michl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Gastroenterologie am Universitätsklinikum Heidelberg, erklärt.

Die Rolle des Vagusnervs

„Wenn wir unseren Magen mit etwas Warmem füllen, stimuliert das den Vagusnerv, der zum Parasympathikus gehört“, sagt Michl. Der Parasympathikus ist der Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist – der Gegenspieler des aktivierenden Sympathikus, der bei Stress aktiv wird. Wärme wird mit Behaglichkeit verbunden, mit etwas, nach dem man sich sehnt. Stimuliert das warme Getränk in Mund, Speiseröhre und Magen den Vagusnerv, dann weiten sich die Blutgefäße, Pulsfrequenz und Blutdruck sinken, die Muskeln entspannen sich und die Darmbewegung wird angeregt. „Evolutionärer Sinn dieses Mechanismus ist es, dass der Körper zur Ruhe kommt und Muße hat, neue Nährstoffe aufzunehmen“, erläutert Michl. Dieser Zustand, der verstärkt nach reichlichen Mahlzeiten auftritt, wird in der Medizin auch als „postprandiale Müdigkeit“ bezeichnet.

Inhaltsstoffe und ihre Wirkung

Neben der Wärme spielen auch die Inhaltsstoffe heißer Getränke eine Rolle. „Klassische Kräutertees zum Beispiel aus Kamille oder Fenchel können zusätzlich entspannende, krampflösende und leicht angstlösende Effekte haben“, sagt Michl. Diese natürlichen Substanzen verstärken die beruhigende Wirkung des warmen Getränks. Auch eine warme Milch mit Honig kann Assoziationen mit frühkindlicher Geborgenheit wecken und so emotional beruhigen.

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Die Darm-Hirn-Achse

Warme Getränke wirken zudem atmosphärisch-psychisch: Wärme wird mit Behaglichkeit verbunden, mit etwas, nach dem man sich sehnt – von emotionaler Wärme bis hin zur gemütlichen Ofenbank. Nicht alle diese Mechanismen sind klar zu belegen, doch geht die aktuelle Forschung grundsätzlich von einer komplexen Wechselbeziehung zwischen Verdauung und Stimmung aus, die manchmal auch als „Darm-Hirn-Achse“ bezeichnet wird, so Michl. Stress kann auf den Magen schlagen, eine gute Verdauung wiederum trägt viel zum Wohlbefinden bei.

Was wie wirkt, hängt allerdings auch von individuellen Vorlieben und den Umständen ab: An einem heißen Sommerabend hat auf viele Menschen wohl vor allem ein kühles Getränk im Biergarten einen entspannenden Effekt. Dennoch zeigen die warmen Getränke, dass sie auch in der warmen Jahreszeit ihren Platz haben – als bewusster Moment der Ruhe und des Genusses.

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