Fast sieben Jahre nach einem der größten Lebensmittelskandale Deutschlands beginnt am Montag um 9 Uhr vor dem Landgericht Kassel der Prozess gegen die früheren Chefs der Wurstfirma Wilke. Auf der Anklagebank sitzen der damalige Geschäftsführer (57), seine Stellvertreterin (55) und der Produktionsleiter (58). Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen elffache fahrlässige Tötung, siebenfache fahrlässige Körperverletzung, Betrug und Verstöße gegen das Lebensmittelrecht vor.
Elf Tote und sieben Schwerverletzte
Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft gelangten jahrelang mit Listerien belastete Wurstwaren in den Handel. Elf Menschen zwischen 47 und 86 Jahren starben an den Folgen der Infektion, sieben weitere erkrankten schwer. Besonders tragisch: Viele der Betroffenen waren Patienten in Krankenhäusern oder Bewohner von Pflegeheimen. Das Robert-Koch-Institut konnte die Erkrankungen auf ein gemeinsames Listerien-Cluster zurückführen, das zur Firma Wilke im nordhessischen Twistetal führte.
Schimmel, Gestank und falsche Etiketten
Die Zustände in der Fabrik sollen erschreckend gewesen sein. Nach Bekanntwerden des Skandals tauchten Fotos mit verschimmelten Würsten und verdreckten Produktionsräumen auf. Kontrolleure beschrieben den Betrieb als ideale Brutstätte für Listerien. In einem Aufzug, in dem offene Wurst- und Fleischwaren transportiert wurden, nahmen sie sogar Verwesungsgeruch wahr. Nach Überzeugung der Anklage sollen verdorbene Waren aufbereitet und teilweise mit neuen Mindesthaltbarkeitsdaten wieder verkauft worden sein. Positive Eigenkontrollen auf Salmonellen und Listerien hätten nicht zu den notwendigen Rückrufen geführt. Als Motiv nennt die Staatsanwaltschaft wirtschaftliche Interessen: Die Verantwortlichen hätten verhindern wollen, dass dem Unternehmen Einnahmen verloren gehen.
Warum der Prozess erst jetzt beginnt
Viele Angehörige der Opfer fragen sich, warum der Prozess erst jetzt startet. Der Grund liegt im gewaltigen Umfang des Verfahrens. Allein die Beweisakte umfasst 160 Aktenordner, die Anklageschrift 200 Seiten. Hinzu kommen komplizierte lebensmittelrechtliche und europarechtliche Fragen. Die Staatsanwaltschaft erhob bereits Ende 2022 Anklage. Danach musste sich das Landgericht durch die riesige Akte arbeiten. Zudem lehnte das Gericht einen Teil der ursprünglichen Anklage zunächst ab, worüber weiter gestritten wurde – das kostete zusätzliche Zeit. Einige ursprünglich erhobene Vorwürfe sind inzwischen sogar verjährt.
Verhandlungstage und Beweisaufnahme
Mehr als ein Dutzend Verhandlungstage sind zunächst angesetzt. Der wichtigste Punkt des Prozesses: Kann nachgewiesen werden, dass tatsächlich belastete Wilke-Wurst für den Tod der elf Menschen verantwortlich war? Genau darüber werden in den kommenden Wochen zahlreiche Sachverständige und Gutachter aussagen. Die Beweisaufnahme wird voraussichtlich mehrere Monate dauern.



