Die gefühlte Zeit beim Scrollen auf dem Smartphone kann stark von der tatsächlichen abweichen. Psychologe Zhuanghua Shi von der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt im Interview mit dem SPIEGEL, warum eine Stunde mal rasend schnell vergeht und mal quälend langsam. Das Phänomen hängt eng mit der Aufmerksamkeit zusammen: Wer stark fokussiert ist, nimmt die Zeit kaum wahr.
Wie Aufmerksamkeit die Zeitwahrnehmung beeinflusst
„Wenn ich fokussiert bin, bleibt keine Möglichkeit, ständig auf die Uhr zu schauen“, sagt Zhuanghua Shi. Das Gehirn verarbeitet dann weniger Zeitreize, sodass die gefühlte Dauer schrumpft. Beim Scrollen auf dem Handy – etwa durch soziale Medien oder Nachrichten – entsteht ein sogenannter Flow-Zustand. Dieser zeichnet sich durch hohe Konzentration und das Verschwimmen des Zeitgefühls aus. Der Psychologe betont, dass dieser Effekt besonders bei kurzen, schnell wechselnden Inhalten auftritt.
Die Rolle der Erwartung und des Gedächtnisses
Neben der Aufmerksamkeit spielen auch Erwartungen eine Rolle. Wenn wir eine Tätigkeit als angenehm empfinden, unterschätzen wir die Dauer. Scrollen auf dem Smartphone wird oft als belohnend erlebt – jeder neue Beitrag kann eine kleine Dopaminausschüttung auslösen. Das Gedächtnis verarbeitet die vielen kurzen Episoden zudem als eine Einheit, was die gefühlte Zeit zusätzlich verkürzt. Im Gegensatz dazu dehnt sich die Zeit bei Langeweile oder Warten, weil das Gehirn häufiger auf die Uhr schaut und mehr Zeitmarken speichert.
Praktische Auswirkungen und Tipps
Die verzerrte Zeitwahrnehmung hat praktische Konsequenzen: Viele Nutzer verbringen unbemerkt Stunden mit dem Scrollen. Shi empfiehlt, bewusste Pausen einzulegen und die Bildschirmzeit zu begrenzen. „Wer sein Zeitgefühl trainieren möchte, kann versuchen, ohne Uhr zu schätzen, wie lange eine Aktivität dauert“, rät der Experte. Studien zeigen, dass regelmäßige Achtsamkeitsübungen die Zeitwahrnehmung verbessern können.



