Zwei Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 erschien im Tagesspiegel eine erste kritische Einordnung des Umsturzversuchs. Der damalige Chefredakteur und Zeitungsgründer Erik Reger bemühte sich um eine differenzierte Haltung, die jedoch aus heutiger Sicht teils falsche Informationen enthielt. Der Historiker Johannes Tuchel, von 1991 bis 2025 Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, hat den Artikel für den Tagesspiegel analysiert und kommt zu einem gemischten Urteil: „Eine Mischung aus präzisen Fakten und Falschinformationen, sehr merkwürdig.“
Die Haltung des Tagesspiegel-Gründers
Erik Reger erkannte in seinem Leitartikel von 1946 „Mut und Opferbereitschaft“ der Attentäter an, widersprach aber einem früheren Tagesspiegel-Beitrag, der abwertend von einem „Generalsputsch“ sprach. Gleichzeitig bescheinigte er den Verschwörern eine „Beziehungslosigkeit zur Masse des Volkes“. Diese Einschätzung deckt sich mit der Sicht aus der damaligen Sowjetzone, wie die Publizistin Ruth Hoffmann in ihrem 2024 erschienenen Buch „Das deutsche Alibi“ darlegt. Allerdings hatten beteiligte Gewerkschafter und Sozialdemokraten wie Wilhelm Leuschner und Julius Leber durchaus Verbindungen zur Bevölkerung.
Falsche Behauptungen im Artikel
Der Artikel, der nur mit dem Nachnamen „von Wülcknitz“ gezeichnet war, enthielt mehrere Fehler. So wurde behauptet, Hitlers bei der Explosion getöteter Stenograf sei „gelegentlich als Double Hitlers“ aufgetreten – dafür gibt es laut Tuchel keinen Beleg. Auch die Angabe, Italiens Diktator Benito Mussolini sei zum Zeitpunkt des Attentats schon einige Tage in der „Wolfsschanze“ zu Gast gewesen, ist falsch; er traf erst kurz nach der Explosion ein. Ebenso unzutreffend ist die Darstellung, Ludwig Beck habe im Bendlerblock „die Befehlsgewalt übernommen“; er erschien in Zivil, um den zivilen Charakter als Staatsoberhaupt zu betonen.
Die Zahl 16.000 – eine grobe Fehlinformation
Die gröbste Fehlinformation war die Behauptung, 16.000 Personen seien „in die Absichten des 20. Juli eingeweiht gewesen“. Tuchel stellt klar: „Wir gehen heute von rund 300 Beteiligten – Offiziere und Zivilisten – aus.“ Der Autor Karl A. von Wülcknitz, der als „Chef vom Dienst“ beim Tagesspiegel vorgesehen war, wechselte noch 1946 zur sowjetisch lizenzierten „Täglichen Rundschau“. Obwohl er im Krieg für Nazi-Zeitungen geschrieben hatte, war dies den Alliierten offenbar unbekannt oder gleichgültig.
Ein anderer 20. Juli
Reger widmete einen Großteil seines Leitartikels nicht dem Attentat von 1944, sondern dem „Preußenschlag“ von 1932, als Reichspräsident Paul von Hindenburg die SPD-geführte preußische Regierung entmachtete. „Dieses Attentat gelang“, schrieb Reger. Er forderte, beim Blick auf Schuld und Sühne vor allem das Verhalten vor 1933 zu analysieren – eine Haltung, die auch der eigenen Entlastung als „Innerer Emigrant“ diente. Die Debatte um die Wertung des 20. Juli zog sich bis über den Jahreswechsel 1946/47 hin und zeigt die frühe Instrumentalisierung des Widerstands.



