Unter dem belebten Alexanderplatz in Berlin-Mitte verbirgt sich ein vergessenes Tunnelsystem aus DDR-Zeiten. Die labyrinthartigen Fußgängertunnel wurden 1969 eröffnet, um die Verkehrsströme zu entzerren, und sind seit 2008 versiegelt. Heute gelten sie als einer der faszinierendsten Lost Places Berlins.
Lage und Zugang
Die Tunnel liegen in bis zu zwölf Metern Tiefe unter dem Alexanderplatz. Die Hauptachse verlief etwa 250 Meter unter dem Autotunnel der Grunerstraße bis zur Karl-Marx-Allee. Die Zugänge sind verschüttet oder mit Betonplatten versiegelt; der Tunnel ist nicht öffentlich zugänglich. Die nächstgelegenen Verkehrsanbindungen sind der S- und U-Bahnhof Alexanderplatz (S3, S5, S7, S9; U2, U5, U8) sowie diverse Tram- und Buslinien.
Geschichte: Vom Verkehrsknoten zum Lost Place
Die ersten Fußgängertunnel in Berlin entstanden bereits 1897 unter dem Stettiner Bahnhof. In den 1960er Jahren, im Zuge der Umgestaltung zur autogerechten Stadt, wurden auch am Alexanderplatz unterirdische Passagen gebaut. 1969 wurde das Tunnelsystem eröffnet, das aus zwei Hauptteilen bestand: dem Memhard-Knoten an der Nordseite und einem H-förmigen System an der Ostseite. Die Tunnel waren mit Geschäften, Vitrinen und Telefonzellen ausgestattet und sollten stündlich bis zu 14.000 Personen aufnehmen.
Nach der Wende verloren die Tunnel an Bedeutung. Sie waren verdreckt, schlecht beleuchtet und nicht barrierefrei. Mit der Wiederbelebung der Straßenbahn über den Alexanderplatz in den 1990er und 2000er Jahren wurden die Tunnel statisch zum Problem. „Die Tunneldecken sind statisch nicht für Straßenbahnverkehr ausgelegt“, erklärte Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. 2006 wurde der Memhard-Knoten geschlossen und verfüllt, 2008 folgte die Schließung der Osttunnel, deren Zugänge abgerissen und mit Betonplatten versiegelt wurden.
Kunstschätze unter der Erde
Eine besondere Attraktion der Tunnel waren acht KPM-Porzellanfliesen, die die Geschichte des Alexanderplatzes von 1730 bis 1968 zeigten. Sie wurden nach beschädigten Originalen aus den 1930er Jahren neu angefertigt. Nach der Schließung der Tunnel wurden sie geborgen und befinden sich heute im Depot des Stadtmuseums Berlin in Spandau. Die Originale aus den 1930er Jahren gingen nach der Wende verloren; ihr Verbleib ist ungeklärt.
Keine Nutzung als Obdachlosenquartier
2018 wurde kurzzeitig erwogen, die Tunnel als winterliche Notunterkünfte für Obdachlose zu nutzen. Die damalige Verkehrssenatorin Regine Günther lehnte dies jedoch entschieden ab: „Wir fangen nicht an, Menschen in Höhlen unterzubringen.“ Bei einer Begehung durch BVG, Polizei und Feuerwehr stellte sich heraus, dass die Tunnel keine sanitären Anlagen, Heizung, Lüftung oder Brandschutz aufweisen und zudem ungesicherte Hochspannungsleitungen enthalten. Die Idee wurde verworfen.
Fazit
Die DDR-Geistertunnel unter dem Alexanderplatz sind ein einzigartiges Zeugnis der Berliner Verkehrsgeschichte. Obwohl sie seit fast zwei Jahrzehnten versiegelt sind, bleiben sie ein faszinierender Lost Place, der die Erinnerung an eine vergangene Ära bewahrt.



