Im Januar 2017 entdeckten Polizeibeamte in einer Wohnung in der Hosemannstraße 18 in Berlin-Prenzlauer Berg die zerstückelte, tiefgefrorene Leiche des 80-jährigen Heinz N. Der Rentner war bereits zehn Jahre zuvor, zwischen dem 30. Dezember 2006 und dem 1. Januar 2007, ermordet worden. Der Täter, Josef S., hatte die Leiche in einer Tiefkühltruhe versteckt und über ein Jahrzehnt lang die Rente des Opfers in Höhe von insgesamt rund 400.000 Euro kassiert.
Der Fund: Ein Gestank und eine manipulierte Tür
Der Fall kam ins Rollen, weil der Nachbar Dirk B. sich seit Monaten über einen unerträglichen Geruch aus der Wohnung unter ihm beschwerte. Er rief mehrfach die Polizei, schrieb an Hausverwaltung, Wohnungsgenossenschaft und Gesundheitsamt – galt jedoch als schwieriger Zeitgenosse. Am 9. Januar 2017 wandte er sich direkt an das Revier und berichtete nicht nur vom Gestank, sondern auch, dass der Rentner seit Jahren nicht gesehen worden sei, der Stromzähler jedoch stetigen Verbrauch anzeige. Polizisten stellten fest, dass im Türschloss ein Nagel steckte und der Spalt zwischen Rahmen und Tür mit Silikon verschmiert war. Dirk B. hatte die Tür manipuliert, um dem Geruch auf die Spur zu kommen.
Die Entdeckung in der Tiefkühltruhe
Die Feuerwehr öffnete das gekippte Badezimmerfenster. In der Wohnung fanden die Beamten keine Kampfspuren, aber in der Küche eine Tiefkühltruhe, abgedeckt mit einer Decke und einem Blumentopf. Darin lagen unter Lebensmitteln wie Obstquark und Käse vier große rosafarbene Gefriersäcke. Beim Öffnen des ersten Sacks rief ein Beamter: „Hier isser!“ Die Gerichtsmedizin stellte fest, dass Heinz N. durch einen Pistolenschuss in den Kopf mit einer Kleinkaliberwaffe getötet worden war – ein Steckschuss, das Projektil steckte noch im Schädel. Die Leiche war zersägt und verpackt: Der Torso mit den Armen, die vor der Brust gefaltet und mit Klebeband fixiert waren, lag in einem Sack, Kopf und Beine in anderen.
Die Täterschaft: Josef S. und sein Motiv
Bereits am Tag nach dem Leichenfund wurde Josef S., damals 55 Jahre alt, festgenommen, als er den Briefkasten des Toten leeren wollte. Er betrieb einen Gebrauchtwarenhandel in der Nachbarschaft und war als hilfsbereiter „Joschi“ bekannt. In seiner Wohnung fanden Ermittler hinter einer Treppenstufe versteckt eine Tüte mit Kontoauszügen, Personalausweis von Heinz N. sowie Reisepass und EC-Karte seiner verstorbenen Frau. Josef S. hatte diese Dokumente genutzt, um vorzutäuschen, der Rentner lebe noch: Er fälschte Unterschriften, zahlte Miete, verfasste Steuererklärungen und korrespondierte mit der Hausverwaltung. Zehn Jahre lang betrat er regelmäßig die Wohnung, ging an der Kühltruhe vorbei, saugte, betätigte die Klospülung und installierte eine Zeitschaltuhr für das Licht. Die Deutsche Rentenversicherung überwies monatlich rund 2000 Euro auf das Konto des Verstorbenen.
Ein weiteres Opfer: Irma K.
Im Versteck von Josef S. fanden die Ermittler auch die persönlichen Dokumente von Irma K., einer 92-jährigen Frau, die seit 2001 vermisst wurde. Auch ihre Altersbezüge – knapp 1000 Euro monatlich – flossen über das Konto von Heinz N. an Josef S. Er hatte für beide Senioren Nachsendeanträge gestellt und einen Briefkasten neben seinem angebracht. Irma K. war zuletzt im Mai 2001 gesehen worden, als sie ihre Miete persönlich übergab. Ihre Wohnung wurde 2002 zwangsgeräumt, ohne dass jemand nach ihr suchte. Der Fall galt vor Gericht als „Blaupause“ für den Mord an Heinz N., wurde aber nicht als Tötungsdelikt verhandelt, da die Leiche nie gefunden wurde.
Der Prozess: Lebenslange Haft
Im Oktober 2017 begann der Prozess vor der 40. Strafkammer des Berliner Landgerichts. Die Anklage lautete auf Mord, heimtückisch aus Habgier, in Tateinheit mit Raub, Urkundenfälschung und unerlaubtem Waffenbesitz. Josef S. gestand, den Tod des Rentners verschleiert zu haben, bestritt jedoch die Tötung. Er behauptete, Heinz N. habe Selbstmord begangen, und er habe die Leiche nur zersägt und eingefroren. Gerichtsmedizinische Gutachten widerlegten diese Version: Der Schusswinkel und die Entfernung machten eine Selbsttötung nahezu unmöglich, und der Schnittverlauf der Sägespuren passte nicht zu einer Totenstarre. Im April 2018 wurde Josef S. zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter stellten die besondere Schwere der Schuld fest. 2019 verwarf der Bundesgerichtshof die Revision.
Die Rolle des Nachbarn
Ohne den hartnäckigen Nachbarn Dirk B. wäre der Fall womöglich nie aufgeklärt worden. Die Ermittlungen erfolgten im „allerletzten Moment“, so der Staatsanwalt: Josef S. hatte die Wohnung von Heinz N. per gefälschter Unterschrift zum 1. Februar 2017 gekündigt. Nur drei Wochen vor diesem Termin wurde die Leiche entdeckt. Im Wohnzimmer standen bereits zwei Reisetaschen bereit, um die Pakete aus der Kühltruhe abzutransportieren. Dirk B. zog später selbst in die Wohnung ein – in jene, die zehn Jahre lang das schaurige Geheimnis beherbergt hatte.



