Rechtsmedizin Mainz: Einblicke in die Arbeit mit dem Tod
Rechtsmedizin Mainz: Arbeit mit dem Tod

Opfer von Gewalttaten, Badetote, ungeklärte Todesfälle – auf den Seziertischen der Rechtsmedizin in Mainz landen die unterschiedlichsten Fälle. Das Institut ist das einzige seiner Art in Rheinland-Pfalz und landesweit zuständig. Zwei Handvoll Mediziner obduzieren Leichen, schreiben Gutachten und erledigen zahlreiche weitere Aufgaben. „Es ist abwechslungsreich“, sagt Leiterin Tanja Germerott. „Mal handwerkliche Arbeit, mal ein bisschen Denksport. Ich weiß morgens nicht, was der Tag bringt.“

Spektakuläre Fälle: Von Weitefeld bis Freudenberg

Im Gebäude des rechtsmedizinischen Instituts der Universitätsmedizin in der Mainzer Oberstadt wurde 2025 auch die Leiche des Dreifachmörders von Weitefeld im Westerwald obduziert und identifiziert. Der 61-Jährige soll ein Ehepaar und dessen 16-jährigen Sohn im April getötet haben. Von dem Mann fehlte vier Monate jede Spur, bis ein Zeuge die Leiche in einem Feld bei Weitefeld fand. „Rein fachlich war das kein so außergewöhnlicher Fall“, erinnert sich Germerott, „aber wegen der Berichterstattung drumherum irgendwie dann doch wieder.“

Ein weiterer prominenter Fall: Die Obduktion der zwölfjährigen Luise aus Freudenberg im Siegerland, deren Tod bundesweit für Entsetzen sorgte. Zwei Mädchen, selbst erst 12 und 13 Jahre alt, gestanden die Tat.

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Drei Seziertische und vielfältige Herausforderungen

Insgesamt drei Seziertische stehen in der Rechtsmedizin in Mainz – zwei in einem Raum nebeneinander, der dritte einzeln in einem Nachbarraum. Das sei praktisch bei Infektionsfällen, erklärt Germerott. Während der Corona-Pandemie war das ein großes Thema, und es ist es immer wieder bei Fällen von Tuberkulose, Meningitis oder anderen ansteckenden Krankheiten.

Germerott und ihre Kollegen haben es mit Opfern von Verkehrsunfällen oder mit Leichen zu tun, die längere Zeit in Wohnungen gelegen haben und bei denen Fäulnisprozesse im Gang sind. „Wir sehen schon heftige Sachen“, sagt die Leiterin, die seit 2017 in der Mainzer Rechtsmedizin arbeitet. „Man muss damit umgehen können und darf nicht so geruchsempfindlich sein – gerade im Sommer.“ Für sie persönlich seien Fälle besonders traurig, bei denen Tote lange unbemerkt in einer Wohnung oder einem Haus gelegen haben, weil offenbar niemand sie vermisst habe.

Werkzeuge und Arbeitsweise

Neben den Seziertischen aus Edelstahl liegt ein Sammelsurium an Werkzeugen: von Messern über Skalpelle und eine Rippenschere bis hin zu einer Säge, mit der Schädel aufgesägt werden können. Auch ein Hammer und Metallkeile gehören zur Ausstattung, um kräftige Knochen zu öffnen. Gearbeitet wird in Schutzkleidung, mit Plastikschürze, schnittfesten Handschuhen und Mundschutz.

Je nach Komplexität eines Falls kann die „reine Tischzeit“ zwischen anderthalb und sieben bis acht Stunden liegen, so die Fachärztin für Rechtsmedizin. Bei der Identifizierung von Leichen wird auf individuelle Merkmale wie Tätowierungen oder Narben geachtet. Wenn jemand Platten oder Schrauben eingesetzt bekommen habe, könne er über deren Nummer oder Kennung bestimmt werden. Auch Fingerabdrücke, Zähne oder DNA helfen. Sehr individuell seien zudem die Nasennebenhöhlen eines Menschen. Allerdings braucht es Vergleichsmaterial, etwa frühere Röntgen- oder CT-Aufnahmen.

Herausforderung Flutkatastrophe

Das war ein Problem bei Flutopfern aus dem Ahrtal. Bei der Katastrophe im Sommer 2021 wurden viele Praxen zerstört und damit mögliches Vergleichsmaterial. Germerott erinnert sich gut an die Zeit: Vorübergehend wurde ein zweiter Standort in Koblenz eröffnet. „Wir haben zwei Wochen durchgearbeitet.“

Der Alltag ist jedoch nicht immer so aufregend wie in Fernsehkrimis. Es gibt auch reine Schreibtischtage, an denen Gutachten geschrieben werden. Rechtsmediziner seien nicht die rechte Hand ermittelnder Kommissare in Mordfällen, aber ihre Gutachten und Beobachtungen können entscheidend dafür sein, wie eine Tat oder ein Unfall bewertet wird – nicht zuletzt vor Gericht. „Wenn ein Hämatom am Oberarm auf der Außenseite ist, kann ein Opfer durchaus gestürzt sein“, sagt Germerott. „Befindet sich der Bluterguss auf der Innenseite des Armes, spricht einiges dagegen.“

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Zunahme von Behandlungsfehlern und CT-Einsatz

Die Rechtsmediziner suchen nach Projektilen in Leichnamen erschossener Menschen und prüfen mögliche Behandlungsfehler bei Toten. Letzteres habe zugenommen, sagt Germerott. Medizinische Behandlungen würden heutzutage mehr hinterfragt. Ihr Team hat es im Schnitt mit ein bis zwei Obduktionen nach Tötungsdelikten pro Monat zu tun. 2025 waren es rund 700.

Im Gegensatz zu vielen anderen rechtsmedizinischen Häusern hat das Mainzer Institut seit 2021 einen eigenen Computertomografen. In der Regel wird von jeder Leiche zunächst ein Ganzkörper-Scan gemacht. Die 3D-Bilder helfen, Projektile schneller zu orten. Mit dem CT lassen sich kleine Metallfragmente finden, die mit bloßem Auge nicht zu sehen wären, und Knochenbrüche werden schnell sichtbar.

Saisonarbeit und Insektenkunde

Bei heißem Wetter häufen sich Leichen mit Insektenbefall. Die Art der Insekten – Germerott spricht von „Leichenbesiedlung“ – kann Aufschluss darüber geben, wie lange ein Mensch schon tot ist und ob der Fundort dem Ort einer Tat entspricht. Im Frühjahr kommen mehr tote Motorradfahrer, die nach dem Winter wieder auf ihre Maschinen gestiegen sind, in Hochsommerwochen mehr Badetote. „Ein Stückweit ist es Saisonarbeit“, sagt die Leiterin.