Toter Säugling in Berlin-Lichterfelde: Polizei sucht Mutter
Toter Säugling in Berlin-Lichterfelde: Polizei sucht Mutter

In Berlin-Lichterfelde ist am Mittwochmorgen ein toter Säugling entdeckt worden. Nach Angaben des Polizeisprechers Florian Nath wurde die Polizei kurz nach 9.30 Uhr alarmiert. Ein Anwohner hatte das Neugeborene im Innenhof eines Wohnkomplexes an der Réaumurstraße gefunden und den Notruf gewählt. Feuerwehr und Notarzt eilten umgehend zur Hochhaussiedlung, konnten jedoch nur noch den Tod des Säuglings feststellen.

Ermittlungen der Mordkommission

„Wir gehen davon aus, dass das Kind erst vor Kurzem geboren ist“, sagte Nath vor Ort. Es sei nur „mehrere Stunden, höchstens einen Tag“ alt gewesen. Über das Geschlecht des Kindes machte die Polizei keine Angaben. Die 5. Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen. Rund 40 Beamte sind im Einsatz, Kriminaltechniker setzen Laserscanner ein, dokumentieren den Tatort und sichern DNA-Spuren. Auch eine Staatsanwältin ist vor Ort.

Der gesamte Wohnkomplex wird derzeit durchsucht. Dabei stießen die Einsatzkräfte nach Angaben einer Polizeisprecherin gegenüber dem Tagesspiegel auf erstaunlich wenige Zeugen „angesichts der Größe des Wohnkomplexes“. Polizeihunde sind ebenfalls im Einsatz. Aktuell wird nach der Mutter und dem Vater des Kindes gesucht. „Momentan haben wir noch keine konkrete Spur“, sagte Nath. Die Polizei habe bislang eine Wohnung im Komplex aufgebrochen, dort jedoch niemanden angetroffen.

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Schock und Unverständnis bei Nachbarn

Stunden nach dem Fund liegt der Säugling noch immer an der Stelle, wo er entdeckt wurde: auf einer Grünfläche, dicht an einem 13-stöckigen Wohnhaus mit 38 Wohnungen, deren Fenster und Balkone alle zu dieser Seite ausgerichtet sind. Die Gerichtsmedizin hat den Leichnam noch nicht abtransportiert, zwei Sichtschutzwände schirmen den Ort ab. Die Nachbarn, die sich auf dem Hof vor der Réaumurstraße 18 versammelt haben, sind geschockt. Von einer Schwangeren, die hier wohnt, weiß keiner von ihnen.

Eine junge Frau hält ihr Baby im Arm, es ist sechs Monate alt. „Man kann es auf keine Weise verstehen“, sagt die 29-Jährige. Es scheine sich um ein ungewolltes Kind zu handeln – sie schüttelt den Kopf: „Es gibt so viele Möglichkeiten, ein Kind sicher wegzugeben. Es gibt Babyklappen, man kann es der Feuerwehr, dem Nachbarn, der Polizei vor die Tür legen.“ Und falls es tot geboren worden sein sollte, „rufe ich doch trotzdem die Feuerwehr“, sagt sie. Die junge Mutter geht davon aus, dass das Kind aus dem Fenster geworfen wurde.

Verdacht auf Fenstersturz

Dennis-Patrick Adam, der mit seinem Hund auf der Bank nebenan sitzt, nickt. Er habe von einem Nachbarn gehört, dass die Polizei bei einer Befragung an der Wohnungstür diesen Verdacht bestätigt haben soll. Der 37-Jährige ist in der Thermometersiedlung groß geworden. „Man kennt jeden, der hier wohnt“, sagt er. Heute Morgen habe man nur noch Polizei und Feuerwehr gehört. „Es ist erschreckend und erschütternd“, findet er. Man hätte Hilfe holen müssen und das Neugeborene „nicht wie ein Stück Fleisch vom Balkon werfen“ dürfen. Er fragt jedoch auch nach der Situation der Eltern: „Wie geht es der Mutter? Was war der Auslöser? Wie kam es zu so einer Tat?“ Er geht von einer Verzweiflungstat aus.

Auf der Bank nebenan ist weniger Verständnis zu hören. „Das ist krank“, sagt eine 13-jährige Jugendliche, die heute ihr Zeugnis erhalten hat. „Man muss kein Baby irgendwo hinwerfen, man kann es auch zur Adoption freigeben“, sagt sie. Sollte sie ungewollt schwanger werden, „würde ich mit meiner Mutter reden“, ergänzt ihre Freundin. „Haben die Eltern kein Herz?“, fragt sie. Ob das Kind im Innenhof abgelegt oder aus dem Gebäude geworfen wurde, sei Gegenstand der Ermittlungen, hatte eine Polizeisprecherin zuvor gesagt.

Psychosoziale Unterstützung

Der Anwohner, der das Kind am Morgen fand, wird von Notfallseelsorgern betreut. „Das ist keine tägliche Polizeiarbeit“, sagte Nath, „das ist für alle schwer belastend.“ Die Réaumurstraße liegt in der Thermometersiedlung, einer Plattenbau-Großsiedlung in Lichterfelde, die zwischen 1968 und 1974 errichtet wurde. Rund 4600 Menschen leben in den Hochhäusern, die bis zu 22 Etagen hoch sind. Die Siedlung ist nach Physikern benannt, deren Namen als Temperatureinheiten bekannt sind.

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