Das Great Barrier Reef, das größte lebende Gebilde der Welt, steht nach Einschätzung von Wissenschaftlern unter dem Einfluss des diesjährigen extremen El Niño vor einer massiven und weitflächigen Korallenbleiche. Morgan Pratchett, Meeresschutz-Experte von der James Cook University in Queensland, warnte auf dem Internationalen Korallenriff-Symposium in Auckland vor einem möglichen „Kollaps des Ökosystems“. Es liege „im Bereich des Möglichen, dass die nächste größere Störung zu einem lokal begrenzten Artensterben und einem weitreichenden Kollaps des Ökosystems führen wird“, so Pratchett.
Einzigartige Tier- und Pflanzenwelt bedroht
Das 2300 Kilometer lange Riff erstreckt sich vor der Nordostküste Australiens und besteht aus 2500 Einzel-Riffen. Es beherbergt mehr als 9000 bekannte Arten, darunter etwa 1500 Fischarten, und zählt zu den wichtigsten Touristenattraktionen des Landes. Experten rechnen damit, dass El Niño in diesem Jahr Rekorde in seiner Gesamtstärke aufstellen wird. Bei diesem natürlich auftretenden Klimaphänomen erwärmt sich die Wasseroberfläche im östlichen und zentralen Pazifik nahe des Äquators, was weltweit Auswirkungen auf Wind, Luftdruck und Niederschläge hat. Üblicherweise tritt El Niño alle zwei bis sieben Jahre auf und dauert zwischen neun und zwölf Monaten an.
Hohe Wahrscheinlichkeit für Massenbleiche
„Es besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir eine massive, sehr ernste und großflächige Massenbleiche im Great Barrier Reef erleben werden“, sagte Pratchett. Das Great Barrier Reef gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. Erst in diesem Monat entging das Gebiet knapp einer Einstufung als gefährdet, obwohl die Vereinten Nationen angesichts der massenhaften Korallenbleiche und der Auswirkungen des Klimawandels ihre „äußerste Besorgnis“ bekundeten. Die UNESCO überwacht das Korallenriff seit 2021, als sie vor einer Aufnahme in die Liste des gefährdeten Welterbes warnte.
Korallenbleiche: Wie Korallen weiß werden und sterben
Bei steigenden Wassertemperaturen stoßen die Korallen die auf ihnen lebenden Algen ab, um zu überleben. Diese mikroskopisch kleinen und bunten Algen verleihen den Korallen ihre charakteristische Farbe. Bleiben die Wassertemperaturen hoch, werden die Korallen weiß und sterben ab. Im vergangenen Jahr hatte die Korallenbleiche ein Rekord-Ausmaß erreicht: Überdurchschnittlich hohe Wassertemperaturen führten zur sechsten massenhaften Bleiche seit 2016. Neben den hohen Temperaturen setzen auch extreme Wetterereignisse, ins Meer geleitete Abwässer, Küstenbebauung und Fraß durch den Dornenkronenseestern das Riff unter Druck.
Wissenschaftler vergleichen Lage mit Untergang der Titanic
Ove Hoegh-Guldberg, Professor für Meeresstudien von der Universität Queensland, warnte in Auckland, fehlendes Regierungshandeln gefährde die Zukunft von Korallenriffen in aller Welt. „Dies könnte der Vorbote des Untergangs der Menschheit sein“, sagte er und verglich die aktuelle Lage mit dem Untergang der Titanic. „Das Schiff fängt wirklich ganz eindeutig an zu sinken, und wir sehen es nicht.“



